predigt_2019-03-31

Predigt: Wo ist der Herr?

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Datum: 31.03.19
Bibelstelle: Matthäus 14,21-33
Redner: Hans-Peter Dinter

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Zusammenfassung:

Krasse Zeiten. Starker Glaube. – Wo ist er denn, euer Herr? Ihr redet immer von Jesus, bejubelt ihn als König und Herrn – aber in dieser Welt herrscht das blanke Chaos! Wo ist denn euer Herr, wenn es darauf ankommt?

Mögliche Antworten: Nach der Himmelfahrt ist Jesus bei seinem Vater im Himmel. Und Jesus ist mitten unter uns.

Theologisch ist das richtig – aber was sagt unser Herz? Wo ist er denn, dein Herr? Was ist, wenn deine Theologie stimmt – aber die Seele schreit?

Müssen wir uns nicht ehrlich eingestehen, dass es Zeiten gibt, in denen unser innerer Mensch verzweifelt nach Erfahrungen der Gegenwart Jesu Christi schreit? Gibt es Zeiten, in denen wir uns unseren eigenen Glauben nicht mehr glauben?

Nun, wir sind nicht die ersten Angefochtenen und Zweifler der Kirchengeschichte. Schon in der ersten Anhängerschaft von Jesus erleben wir, wie der vermeintlich starke Glaube ins Wanken geraten kann:

  1. Jesus, ganz Mensch – ein Mann sucht das Weite

    Von Beginn an beschäftigte sich die Kirche mit der Frage nach dem Geheimnis um die Person des Jesus von Nazareth. Sie berichtet von Jesus als dem Wunderheiler, dem Herren über die Naturgewalten, über die Krankheit, über die dämonischen Mächte, ja sogar über den Tod.

    Auf der anderen Seite berichtet sie darüber, dass Jesus Müdigkeit kannte, dass er hungrig und durstig war. Jesus kannte tiefe Trauer, Schmerzen und Anfechtungen. Jesus stirbt am Kreuz einen der jämmerlichsten Tode, die man sterben kann.

    Durch Jahrhunderte der Geschichte der Kirche haben sich Menschen mit diesen gegensätzlichen Aussagen schwergetan. Beides, Menschliches und Göttliches vereinigen sich auf geheimnisvolle Weise in Christus.

    Der heutige Bibeltext zeigt Jesus zunächst von seiner menschlichen Seite: Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. (Matthäus 14,23)

    Jesus sucht das Weite, um die Nähe Gottes zu suchen. Warum? Weil er es nötig hatte!

    Was ging voran? Zunächst der Bericht vom Tod Johannes des Täufers und dann – das völlige Kontrastprogramm – nämlich die Speisung der Fünftausend. Jesus erlebt eine emotionale Achterbahnfahrt.

    Jesus, ganz Mensch, flieht vor den Menschen, die ihn als König ausrufen wollen und flieht in die Gegenwart seines himmlischen Vaters. Dort in der Gegenwart Gottes kann und will Jesus auftanken.

    Woher bekommst du in krassen Zeiten deine Energie, wo kannst du auftanken?

  2. Die Jünger, ganz allein – Gemeinde im Gegenwind

    Die Jünger sitzen gemeinsam in einem Boot. Es läuft mit Jesus – er übertrifft ihre Erwartungen bei weitem.

    Voll begeistert, aber hundemüde, hoffen sie darauf, sich möglichst bald aufs Ohr legen zu können. Das jedoch gestaltet sich weitaus schwieriger als geplant: Das Boot befand sich schon weit draußen auf dem See und hatte schwer mit den Wellen zu kämpfen, weil ein starker Gegenwind aufgekommen war. (Matthäus 14,24)

    Obwohl die Fischer ihr Boot im Schlaf beherrschen, sind sie nicht in der Lage, dem Wind und den Wellen zu trotzen. Was sie erleben, ist echt krass! Die beschauliche Bootstour wird urplötzlich zu einem Kampf auf Leben und Tod.

    Wir erleben Gegenwind in anderen Zusammenhängen. Gegenwind kann Kritik sein, die uns ungerechtfertigt um die Ohren geschlagen wird. In der Familie, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis und auch in der Gemeinde gibt es Gegenwindserfahrungen.

    In einer postmodernen Gesellschaft hat die Kirche Jesu Christi solange Rückenwind, solange sie sich möglichst unauffällig auf dem religiösen Markt verhält und keine absoluten Wahrheiten proklamiert.

    Nicht gefragt ist eine Kirche, die sich deutlich positioniert. Dann bläst ihr der Wind entgegen, wenn sie zu ethischen Fragen Stellung bezieht, wenn sie absolute Wahrheiten verkündigt oder gar missionarisch unterwegs ist.

    Die Kirche im Wohlstandswesten müsste sich eher darüber wundern, dass sie so wenig aneckt, so selten Widerstand erfährt, als dass sie jammert, wenn ihr der Wind entgegenbläst.

  3. Jesus, ganz Gott – in krassen Zeiten näher als gefühlt

    Gegen Ende der Nacht kam Jesus zu den Jüngern; er ging auf dem See. Als sie ihn auf dem Wasser gehen sahen, wurden sie von Furcht gepackt. "Es ist ein Gespenst!", riefen sie und schrien vor Angst. Aber Jesus sprach sie sofort an. "Erschreckt nicht!", rief er. "Ich bin’s. Ihr braucht euch nicht zu fürchten." (Matthäus 14,25-27)

    Was für eine Erfahrung! Wie aus dem Nichts taucht Jesus auf. Damit hatten die Jünger sicher nicht gerechnet. Sie fühlen sich allein gelassen, sie fühlen sich dem Gegenwind hilflos ausgeliefert – aber sie sind es nicht.

    "Es ist ein Gespenst" schreien sie. Es hat Lebensumstände, in denen uns Christus fremd erscheint. Fragen brechen auf, nie gekannte Zweifel.

    Ich finde es großartig und ermutigend zugleich, dass die Schreiber der Bibel die Gegenwindserfahrungen und Zweifel ihrer Hauptakteure im Laufe der Jahrtausende nicht wegzensiert haben. Gerade in der Biografie eines Petrus hat es einige Abschnitte, die sich so gar nicht mit dem Felsen, auf den Jesus seine Gemeinde bauen will, vertragen.

    Die Bibel verschweigt die Niederlagen und Pleiten ihrer Akteure nicht – sie berichtet von einem großen Gott, der es sich leisten kann, seine Kraft in und durch schwache, fehlerhafte Menschen wirken zu lassen.

    In krassen Zeiten kann der Glaube ins Wanken geraten. Aber wir sind nicht vergessen! Die Zusage Jesu gilt nach wie vor: "Erschreckt nicht! Ich bin’s!"

  4. Petrus, ganz schön mutig – ein Kleinglaube wird entlarvt

    Da sagte Petrus: "Herr, wenn du es bist, dann befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!" – "Komm!", sagte Jesus. Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser auf Jesus zu. (Matthäus 14,28-29)

    So kennen wir ihn, Petrus der Jünger, der es wissen will. Der immer vorne weg marschiert. Die Worte, die Jesus gesprochen hat, reichen ihm nicht. Die Zusage der Gegenwart Jesu reicht ihm nicht.

    Petrus hat Mut – aber ist er wirklich das Vorbild für mutige Glaubensschritte?

    Doch als er merkte, wie heftig der Sturm war, fürchtete er sich. Er begann zu sinken. "Herr«, schrie er, »rette mich!" Sofort streckte Jesus seine Hand aus und hielt ihn fest. "Du Kleingläubiger", sagte er, "warum hast du gezweifelt?" (Matthäus 14,30-31)

    Jesus macht Petrus deutlich, dass sein Wunsch nach dem Außergewöhnlichen nicht seinen Glauben, sondern seinen Kleinglauben offenbart. Kleiner Glaube braucht große Wunder.

    Und alle, die im Boot waren, warfen sich vor Jesus nieder und sagten: "Du bist wirklich Gottes Sohn." (Matthäus 14,33)

    Der heutige Bibeltext endet mit dem Staunen der Jünger. Der, den sie eben noch für ein Phantom gehalten haben, erschließt sich ihnen als "Gottes Sohn". Die letzten Zweifel sind besiegt. Jetzt ist es unmissverständlich klar – den Wind und den Wellen gebietet nur Gott allein.

Wir erwarten gerade in krassen Zeiten Wunder. Aber Gott ist auch da, wenn kein ersichtliches Wunder geschieht.