predigt_2019-03-10

Predigt: Das Gleichnis vom daheim gebliebenen Sohn

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Datum: 10.03.19
Bibelstelle: Lukas 15,11-32
Redner: Gert Brinkhorst

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Zusammenfassung:

Jesus beschreibt in seiner Geschichte von den zwei Söhnen den jüngeren Sohn als den „verlorenen Sohn“, der sich von zuhause „befreit“ hatte und schließlich auf der ganzen Länge Schiffbruch erlitt, um zuletzt nach Hause zurückzukehren. Dort wurde er – für ihn offenbar völlig überraschend – vom Vater mit offenen Armen empfangen und als Sohn wieder aufgenommen.

Dieser jüngere Sohn hatte offensichtlich das Bild eines Vaters vor Augen, der ihm ein „freiheitliches Leben“ verbietet und der ihm ständig alle Dinge vergrault, die Spaß machen.

Vaterbilder – und auch Gottesbilder – kommen zustande durch

  • persönliche Erfahrungen mit Vätern, die uns prägen,
  • Erziehung zuhause, in der Schule, Freunde, Erfahrungen und Prägungen in Gemeinden,
  • andere Vorbilder, wie sie den Vater verstehen und darauf reagieren – wie z. B. ältere Geschwister.

Mit der Predigt von heute geht es um solche Vorbilder, für die der ältere Bruder in unserer Geschichte exemplarisch steht:

  1. Wie viele Anteile habe ich selbst vom älteren Sohn?
  2. Wo habe ich mit meinem Bild von Gott Menschen davon abgehalten, sich Gott zuzuwenden?

Auch wenn der ältere Sohn erst als zweiter im Text thematisiert wird, ist das Handeln des älteren nicht das Spiegelbild des jüngeren, sondern genau umgekehrt: Das Handeln des jüngeren Sohnes ist ein Spiegelbild des älteren. Der jüngere Bruder hat vom älteren gelernt.

Was für ein Mensch begegnet uns hier in dem Sohn, der zuhause geblieben war?

Erst einmal einer, dessen Ärger man durchaus verstehen kann: Hat der Vater nicht kommentarlos das Erbe herausgegeben und den jüngeren Sohn ziehen lassen? Und hatte der Vater sich nicht zum Narren gemacht, als er jeden Tag am Gartentor gestanden und Ausschau nach dem jüngeren Sohn gehalten?

Die Konsequenz ist, dass die negativen Gedanken ihr Eigenleben entwickeln. Der ältere Sohn kann sich keinesfalls über die Rückkehr freuen.

Eigentlich richten sich die Wut und der Frust gegen den Vater und nicht gegen den Bruder. Der ältere Sohn fühlt sich über Jahre hinweg zurückgestellt und übervorteilt: „Ich habe mich über die Jahre für Dich abgemüht und versucht, dir alles recht zu machen – aber ich habe dafür keine Anerkennung erhalten …“

Wenn der ältere Sohn seinen Vater so erlebte, dann war ist es nicht verwunderlich, dass der jüngere Sohn so nicht weiter mitmachen wollte.

Der ältere Sohn hatte aus Angst vor seinem Vater alle seine persönlichen Wünsche, seine Träume, seine Vorstellungen von einem erfüllenden Leben für sich behalten.

Er hatte genau dieselben Vorstellungen von seinem Vater, wie sie bei seinem jüngeren Bruder zutage treten: „Der Alte weiß nicht, wer ich bin und was gut für mich ist – und er bekommt nicht mit, wie es mir eigentlich geht.“

Während der jüngere Bruder ausbrach, verliert sich der ältere Bruder in dem immer zwanghafter werdenden Versuch, es sich mit dem Vater bloß nicht zu verscherzen – und schon gar nicht, nachdem der jüngere Bruder abgehauen war.

Der ältere Sohn lebte Tag für Tag mit einem Bild von einem Vater, über den die Enttäuschung ins Unermessliche stieg – von dem er sich betrogen und verraten fühlte.

Der ältere Sohn hatte sich in eine Vorstellung vom Vater hineingesteigert, die völlig an der Realität vorbei ging: „Wenn ich alles richtig mache, dann bekomme ich meine Belohnung, habe ich eine Belohnung sogar verdient. Wenn ich dagegen versage, muss ich mit dem Rauswurf aus dem Himmel rechnen.“

Die Reaktion des Vaters lautet: Da sagte der Vater: „Mein Kind! Du bist doch immer bei mir und alles, was mir gehört, gehört auch dir! (Lukas 15,31)

Warum hast Du nicht einfach zugegriffen? Warum hast du dir nicht einfach das genommen, was ich dir zur Verfügung gestellt habe?

Warum rede ich nicht einfach mit Gott über meine Wünsche und Vorstellungen und frage ihn danach, wie er das sieht?

Wenn ich Gott in meine Gedanken und Überlegungen mit einbeziehe, dann gebe ich Gott – und mir selbst – alle Möglichkeiten, dass er reagieren kann – dass er mir Gedanken in den Kopf geben kann, die mir weiter helfen. Er kann mir Grenzen zeigen, die für mich persönlich gelten und wichtig sind, und er kann mir Perspektiven aufzeigen, die ich mir selbst kaum gegönnt hätte.

In Psalm 37,4 heißt es: Habe deine Lust am HERRN; der wird dir geben, was dein Herz wünscht. Man könnte auch sagen: Richte dich ganz auf Gott aus – der wird dir geben, was dein Herz wünscht.

Habe ich Angst, dass Gott mich tadelt oder vielleicht sogar abstraft für meine Fragen, Wünsche und Anliegen?

Die Geschichte von den beiden verlorenen Söhnen kann und will mit dieser Vorstellung aufräumen – der Vater geht auf beide Söhne gleichermaßen zu – er nimmt sie beide mit ihren Anliegen ernst, und sie sind und bleiben beide seine Söhne.

Der Knackpunkt der Geschichte von den beiden verlorenen Söhne ist der, dass beide nicht mit ihrem Vater geredet haben – zumindest nicht über das, was sie wirklich bewegte.

Gott möchte dagegen mit jedem eine persönliche, lebendige Beziehung pflegen. Und Gott interessiert sich für unsere Wünsche und Vorstellungen – und wenn sie noch so abgefahren sind.