predigt_2018-07-22

Predigt: Wenn der Glaube baden geht

Zur Predigtübersicht

Datum: 22.07.18
Bibelstelle: Matthäus 14,22-33
Redner: Hans-Peter Dinter

Um die Predigt herunterzuladen, drücken Sie bitte mit der rechten Maustaste auf und wählen dann "Ziel speichern unter" …

Zusammenfassung:

Der heutige Bibeltext endet mit einer überwältigenden Gotteserfahrung der Jünger. Sie erleben die Macht Jesu – und sie sind von dieser Erfahrung zutiefst erschüttert. Darum geht es in diesem Text, das ist sein Hauptanliegen, dass die Nachfolger Jesu begreifen, mit wem sie es zu tun haben.

Die Kirche Jesu ist nicht die Anhängerschaft eines genialen, alles überragenden Menschen. Sie gehört zu dem, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist. Sie gehört zu dem, der die Welt erschaffen und Herr ist über die Naturgewalten. Wer diese Erfahrung macht, dem bleibt am Ende nur das Staunen und die Anbetung.

Nachdem Jesus den ganzen Tag lang mit den Menschen gesprochen und ihre Kranken geheilt hatte, nachdem durch ein spektakuläres Wunder über 5000 Menschen satt geworden waren und man 12 Körbe mit Resten verteilt hatte, sozusagen nach Feierabend, drängt Jesus seine Jünger, ins Boot zu steigen und den See zu überqueren.

In den vergangenen Stunden waren die Jünger aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Jetzt schickt Jesus sie weg. Jesus braucht die Stille, um mit seinem himmlischen Vater Gemeinschaft zu haben.

Die kommenden dramatischen Ereignisse auf dem See sind also keine Folge eigenmächtigen Handels der Jünger: Jesus drängte die Jünger, unverzüglich ins Boot zu steigen und ihm ans andere Ufer vorauszufahren.

Weil die Jünger Jesus gehorchen, geraten sie in einen Sturm. Gehorsam gegenüber dem Befehl Jesu garantiert kein konfliktfreies, problemloses Leben. Die Vorstellung, dass in der Nachfolge von Jesus immer alles wie geschmiert läuft, entbehrt jeglicher biblischer Grundlage.

Es ist ernüchternd anzusehen, welchen Schwankungen der Glaube der Jünger unterworfen ist. Eben noch begeistert von den Möglichkeiten Gottes, fühlen sie sich völlig allein, einem unberechenbaren Schicksal preisgegeben. Die Glaubenserfahrungen von gestern scheinen schneller zu verblassen, als uns lieb ist.

  1. Das Phantom vom See

    Als sie ihn auf dem Wasser gehen sahen, wurden sie von Furcht gepackt. "Es ist ein Gespenst!", riefen sie und schrien vor Angst. (Matthäus 14,26)

    Mitten im Chaos, in der Krise taucht, völlig überraschend, Jesus auf. Die, die sich allein fühlten, waren nicht allein – Jesus war ihnen näher als ahnten, nur – aber sie erkennen ihn nicht.

    Es gibt Lebensumstände, in denen uns Christus fremd und verborgen erscheint. Es hat Zeiten, in denen äußere Widerstände, Leid oder Krankheit dazu führen können, dass gestandene Jünger plötzlich ihren Herrn nicht mehr erkennen. Fragen brechen auf, nie gekannte Zweifel.

    Machen wir uns nichts vor: Niemand von uns ist über jeden Zweifel erhaben. In persönlichen Krisenzeiten kann Jesus uns fremd werden und wir leben davon, dass er sich wieder zu Wort meldet – vielleicht durch ein Bibelwort, vielleicht durch den Zuspruch eines Menschen, vielleicht durch eine besondere Erfahrung.

    Aber Jesus sprach sie sofort an. "Erschreckt nicht!", rief er. "Ich bin’s. Ihr braucht euch nicht zu fürchten." (Matthäus 14,27)

  2. Der Jünger, der es wissen will

    Da sagte Petrus: "Herr, wenn du es bist, dann befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!" – "Komm!", sagte Jesus. Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser auf Jesus zu. Matthäus 14,28-29

    So kennen wir ihn, Petrus, der Jünger, des es wissen will. Der immer vorne weg marschiert. Noch ist Petrus sich unsicher. Das Phantom auf dem Wasser ist ihm nach wie vor nicht ganz geheuer. Die Selbstvorstellung Jesu hat seine letzten Zweifel nicht überwunden.

    Petrus braucht Gewissheit. Petrus fordert einen Identitätsnachweis von Jesus – und Jesus lässt sich auf diesen Deal ein. Sicher haben die übrigen Jünger den Atem angehalten ob ihres leichtsinnigen Mitbruders.

  3. Das kann doch nicht wahr sein!

    Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser auf Jesus zu. (Matthäus 14,29)

    Die Jünger trauen ihren Augen nicht: Petrus kann – zumindest vorübergehend – auf dem Wasser laufen. Alle physikalischen Gesetze scheinen außer Kraft gesetzt.

    Aber dann, plötzlich schlagen die Wellen über Petrus zusammen: Doch als Petrus merkte, wie heftig der Sturm war, fürchtete er sich. Er begann zu sinken. "Herr", schrie er, "rette mich!" (Matthäus 14,30)

    Petrus marschiert auf dem Wasser – solange, bis er anfängt, seine Situation zu reflektieren. Kein Mensch kann auf dem Wasser gehen – und schon gar nicht bei diesem Wellengang. Mit einem Mal reden die aufschäumenden Wellenberge lauter als der Ruf Jesu. Von einer Sekunde auf die andere, gehen erst der Glaube und dann der ganze Petrus baden.

    Genau in dem Moment, als der eine Glaube baden geht, wird ein neuer Glauben geboren. Es ist der Glaube, auf den man sich absolut nichts mehr einbilden kann. Es ist der Glaube, für den es keinen Applaus von Menschen gibt, es ist ein Glaube im Zerbruch.

    Jetzt erst wird deutlich, was – oder besser wer trägt, wenn vom eigenen Glauben nichts mehr übrig ist, als ein einziger Hilfeschrei: Sofort streckte Jesus seine Hand aus und hielt ihn fest. "Du Kleingläubiger", sagte er, "warum hast du gezweifelt?" (Matthäus 14,31)

    Großartig: Jesus bestraft den "zweifelnden Petrus" nicht, indem er ihn einige Mundvoll Wasser schlucken lässt, sondern packt ihn "sofort" und hält ihn fest.

    Aber dann die ernste Frage: "Du Kleingläubiger", sagte er, "warum hast du gezweifelt?" Was sollte Petrus sagen? Warum hatte er gezweifelt? Warum hatte er vorher geglaubt? Warum?

    Was wir glauben oder weshalb wir zweifeln, hat zu tun mit dem Eindruck, den wir von einer Person oder Sache haben. Was wir ansehen gewinnt Macht über uns!

    Dann stiegen beide ins Boot, und der Sturm legte sich. Und alle, die im Boot waren, warfen sich vor Jesus nieder und sagten: "Du bist wirklich Gottes Sohn." (Matthäus 14,32.33)

    Der, der in der Lage ist auf dem Wasser zu gehen und Petrus vor dem Ertrinken rettet, ist derjenige, der auch der Herr ist über die Stürme deines und meines Lebens ist. So unverhofft und plötzlich der Sturm über die Jünger hereinbricht, so plötzlich legt er sich wieder. Am Ende wird uns nur das Staunen bleiben, das Staunen über den Sohn Gottes, der uns durch die Stürme unseres Lebens fest an seiner Hand hält:

    Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. (Psalm 73,23.24)