predigt-2022-11-13

Predigt: Was geht?

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Datum: 13.11.22
Bibelstelle: Lukas 19,1-10
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Du gehst gedankenverloren durch die Fußgängerzone deiner Stadt. Mit einem Mal beginnen die Menschen langsamer zu gehen. Die ersten bleiben stehen. Die nachfolgenden strecken ihre Hälse – Was geht ab?

Dort, wo Menschen sich versammeln, muss etwas zu sehen sein. Es interessant zu beobachten, wie eine Menschenansammlung sich fast automatisch ständig vergrößert. Menschen machen Menschen neugierig. Dort, wo was abgeht, da will man dabei sein.

Diese Art des spontanen Zusammentreffens von 15 bis 20 Personen nennt der Bundesgesetzhof eine „Menschenansammlung“ und die Soziologie ein „soziales Aggregat“.

Mit solch einem sozialen Aggregat bekommen wir es in Lukas 19 zu tun. Und wir fragen: Was geht ab in Jericho?

Jericho war so etwas wie die letzte Tankstelle vor der Autobahn. Jesus und seine Anhänger waren auf dem Weg nach Jerusalem. 50 Kilometer Fußmarsch durch unwegsames Gelände haben sie vor sich. Was liegt näher, als vorher noch einmal auszuruhen und Kräfte zu schöpfen.

Wie schon in anderen Städten, war Jesus sein Ruf vorausgeeilt. In einer Zeit ohne Internet, Tageszeitung und Tagesschau waren die Menschen ganz wild auf Abwechslung. Tags vorher, ganz in der Nähe, hatte Jesus für ein Riesenspektakel gesorgt, als er einen blinden Bettler geheilt hatte.

Diese Nachricht hatte sich in Windeseile verbreitet. Jetzt erwarten die Einwohner von Jericho nicht nur einen jüdischen Lehrer, sondern den Wunderheiler aus Nazareth.

Bevor sich der biblische Bericht mit dem Menschenauflauf beschäftigt, lenkt er den Blick auf einen leitenden Zollbeamten „Zachäus“:

Da geschah etwas Besonderes. Dort lebte nämlich ein Mann namens Zachäus. Der war der oberste Steuereintreiber und war sehr reich. Er hatte den starken Wunsch, Jesus zu sehen und kennenzulernen. Aber wegen der Menschenmenge war ihm das nicht möglich, denn er war klein von Statur. (Lukas 19,1-2)

Für Zachäus gibt es kein Durchkommen. Die Menschen gönnen ihm den Zugang zu Jesus nicht. Für Zachäus ist diese Erfahrung Alltag. Die Menschen gingen ihm seit Jahren aus dem Weg. Sie schlossen ihn bei gemeinsamen Aktionen aus und neideten ihm seinen Reichtum.

Erstaunlicherweise tritt Zachäus nicht den Rückzug an. Zachäus klettert auf einen Maulbeerfeigenbaum. Dort oben hat er den Überblick. Dort oben ist er sicher vor den Remplern seiner Nachbarn.

Zachäus lässt sich nicht runterkriegen. Die Menschen wollen ihn ausschließen, runterkriegen – jetzt blickt er auf sie herab. Dort oben auf dem Maulbeerfeigenbaum hat er freie Aussicht auf das Geschehen und gleichzeitig ist er unsichtbar, weit weg. Er kann beobachten, ohne dass er Angst haben muss, zu viel Aufmerksamkeit zu bekommen.

Es gibt Menschen, die sitzen jahrelang auf ihrem Beobachtungsposten. Sie beobachten genau, was da abläuft unter den Frommen, sie versuchen sich eine Meinung über Jesus zu bilden – aber sie trauen sich nicht herabzusteigen. Sie wagen diesen letzten Schritt in die Nachfolge von Jesus nicht.

Als Jesus dorthin kam, blickte er nach oben und sagte zu ihm: „Zachäus, steig schnell vom Baum herunter! Denn heute muss ich unbedingt als Gast in dein Haus kommen!“ (Lukas 19,5)

„Zachäus, was geht? Klettere von deinem Baum. Wir zwei haben eine Verabredung!“

Jesus lässt die komplette Menschenmenge stehen. Es gibt kein Wunderspektakel – aber alle erleben ihr blaues Wunder. Und Zachäus?

Da kam er schleunigst wieder herunter und nahm Jesus voller Freude bei sich auf. (Lukas 19,6)

Zachäus überlegt keine Sekunde. So schnell er kann, klettert er von seinem Hochsitz und kurz danach ziehen sie beide ab, Jesus und Zachäus.

Es hat im Leben Momente und Situationen, in denen es darauf ankommt, sich ein Herz zu fassen und auf Gottes Ruf zu reagieren und seine Einladung anzunehmen.

„Denn heute muss ich unbedingt als Gast in dein Haus kommen.“ – Das bedeutet: „Zachäus, ich möchte bei dir und bei den Menschen, mit denen du das Leben teilst, zu Gast sein. Ab heute soll dein komplettes Leben heil werden!“

Im Hause Zachäus weht ein neuer, frischer Wind draußen, draußen bei den anständigen Bürgern ist „dicke Luft“:

Alle, die das sahen, regten sich auf und sagten: „Das ist doch unerhört! Bei einem Menschen, der bewusst gegen Gottes Wil-len verstößt, ist er als Gast im Haus eingekehrt!“ (Lukas 19,7)

Auf diese Art von Wunder, waren die Schaulustigen von Jericho nicht gefasst. Ein von Gott Gesandter, der die Nähe zu den Sündern sucht, passt nicht in ihr frommes Weltbild. Was geht ab?

Genau dafür ist der ewige Menschensohn in diese Welt gekommen: Er sucht und rettet die Menschen, die ihr Leben fern von Gott führen. (Lukas 19,10)

Das geht ab: Der lebendige Gott hat sich in Jesus auf die Suche nach denen gemacht, die sich von ihm entfernt haben. Er lädt dich – uns alle ein: „… steig schnell vom Baum herunter! Denn heute muss ich unbedingt in deinem Leben einkehren!“