predigt-2022-08-28

Predigt: Übergänge gestalten (Teil 2)

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Datum: 28.08.22
Bibelstelle: 1. Samuel 3,1-13
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Übergänge im menschlichen Lebenszyklus sind oftmals sowohl Krisen-Zeiten wie auch Chancen-Zeiten.

Übergangszeiten sind Lebensabschnitte, in denen alle Beteiligten in besonderer Weise herausgefordert sind. Übergänge sind emotional bewegend. Wir müssen uns von vielerlei Gewohntem verabschieden und einen Neubeginn starten.

Wie wir diese Herausforderung bewältigen, hat entscheidenden Einfluss darauf, ob wir am Ende gereift und gestärkt oder aber beschädigt und geschwächt daraus hervorgehen.

Übergänge, Lebenszyklen gibt es auch im Blick auf gemeindliches Leben, auf die Entwicklung des Reiches Gottes.

Mose begleitet den Übergang Israels aus der Sklaverei in Ägypten und Josua den Übergang des wandernden Israels zu einem sesshaften Volk. Nach dem Tod Josuas beginnt eine neue Übergangsphase und das wandernde Gottesvolk marschiert in die nächste Krise:

Nach und nach starb auch die ganze ältere Generation, und es wuchs eine neue Generation heran, die vom Herrn nichts wissen wollte und seine großen Taten für Israel nicht miterlebt hatte. So kam es, dass die Leute von Israel taten, was dem Herrn missfällt: Sie verließen den Gott ihrer Vorfahren, der sie aus Ägypten herausgeführt hatte, und liefen fremden Göttern nach. Sie fingen an, die Götter ihrer Nachbarvölker anzubeten, und beleidigten damit den Herrn. (Richter 2,10-12)

Was für ein missratener Übergang! Mit dem Tod Josuas marschiert die Gemeinde schnurstracks in die Gottlosigkeit. Das Volk hat seine Berufung vergessen und nimmt den Staffelstab, der ihnen von Mose und Josua anvertraut wurde, nicht auf.

Statt sich gemeinsam ihres Auftrags und ihrer Berufung bewusst zu werden, schwächt sich Israel durch interne Streitigkeiten und wird damit angreifbar. Eine in sich zerstrittene Kirche oder Gemeinde ist eine leichte Beute für den Feind.

In dieser Übergangszeit erwählt Jahwe-Gott Menschen, die dem Volk in wieder in die Spur helfen. Es beginnt die sogenannte Richterzeit. Sie beginnt nach dem Tod des Josua und endet – etwa 200 Jahre später – mit der Salbung des ersten israelischen Königs Saul.

Zum Ende dieser Richterzeit kommt es noch einmal zu einer Stabübergabe. Eli, Richter und Hohepriester am Heiligtum in Silo gibt den Staffelstab weiter an Samuel:

  1. Damals waren Botschaften vom Herrn selten und Offenbarungen (prophetische Reden) kamen nicht häufig vor. (1. Samuel 3,1)

    Damals – Eli war alt geworden und hatte zunehmend an Einfluss verloren. Seine Söhne benutzten ihre Vertrauensstellung, um im Heiligtum wilde Orgien zu feiern. Der alternde Eli hatte nicht mehr die Kraft und die Autorität durchzugreifen.

    Sind die Botschaften vom Herrn deshalb so selten, weil Gott sein gottloses Volk und seinen schwächelnden Priester bestraft? Bekommen die Menschen, was sie verdient haben?

    Oder können die Gläubigen Gottes Schweigen nicht aushalten und suchen sich deshalb „Ersatzgötter“?

    Hüten wir uns davor, schnelle Zusammenhänge von Ursache und Wirkung herzustellen. Wir sind nicht die Geheimräte Gottes. Wir müssen akzeptieren, dass Gott in dieser Welt schweigt.

    Es hat in der Geschichte der Kirche immer Blütezeiten und Erntezeiten, aber auch Trockenzeiten gegeben. Es hatte Zeiten, in denen Gottes Wort deutlich und für viele Menschen hörbar war, und es hatte geistliche Dürreperioden.

  2. Samuel erkannte den Herrn noch nicht, denn er hatte noch nie eine Botschaft vom Herrn erhalten. (1. Samuel 3,7)

    Samuel war der Sohn, den seine Mutter Hanna Gott – nach Jahren der Kinderlosigkeit – im Gebet abgerungen hatte. Samuel sollte, aus Dankbarkeit, sobald er alt genug war, im Heiligtum dienen. Samuel wohnte also im Heiligtum und war so etwas wie die rechte Hand der Priesters Eli.

    Obwohl Samuel sicher schon etliche Gottesdienste besucht hatte, hat er noch keine persönliche Beziehung zu Gott. Er dient einem Gott, ohne ihn zu wirklich zu kennen.

    Er singt fromme Lieder – aber der, den er lobt, ist ihm der große Unbekannte. Er betet liturgische Gebete, aber sie haben ihn noch nicht wirklich innerlich berührt.

    Der Glaube seiner Eltern hatte sich nicht vererbt, seine erste Gotteserfahrung stand noch aus. Glaube wird uns nicht in die Wiege gelegt. Unsere Christus- und Gottesbeziehung ist eine sehr persönliche Angelegenheit.

    Jeder hat seine ganz eigene Biografie und jedem Menschen baut Gott eine einzigartige, besondere Brücke, über die er zum Glauben finden kann. Und irgendwann kommt dieser Moment, indem ein Mensch Gottes Stimme hört und aufgerufen ist, im Glauben über diese Brücke zu gehen.

    Gott spricht mit dem jungen Samuel einen jungen Mann an, der ihn noch niemals gehört hat. Doch Samuel kann nichts damit anfangen: Dreimal steht er am Bett Elis und ist völlig ratlos.

    Wenn wir die Bibel studieren, dann werden dort sehr unterschiedliche Arten des Redens Gottes berichtet:

    • Gott redet, indem er sein geoffenbartes Wort durch den Heiligen Geist lebendig macht.
    • Gott spricht durch die Schöpfung.
    • Gott redet durch besondere Ereignisse und Schicksalsschläge.
    • Gott bedient sich anderer Menschen.
    • Gott redet durch Träume reden und innere Bilder.

    Das persönliche Reden Gottes steht immer im Rahmen der Heiligen Schrift. Die Heilige Schrift bildet die Grundlage – wie der Bass in der Musik. Sie muss die tragende Stimme unserer Stillen Zeit sein.

    Wahre Prophetie ist die persönliche Anwendung des biblischen Wortes in einer neuen Situation. Wo wir unsere Einsicht aber an der Schrift prüfen, werden wir im Vertrauen auf Gott leben und mit Erfahrungen der Segnungen Gottes.

    Hin und wieder braucht es einen Eli, der den Mut hat zu sagen: „Gib doch Gott eine Chance, zu dir zu reden! Hör noch einmal genau hin!“

  3. Sprich, Herr, dein Diener hört. (1. Samuel 3,9)

    Natürlich kann Gott selbst im größten Trubel reden. Die Regel scheint das aber nicht zu sein. Gott redet zu Samuel in der Stille der Nacht.

    Wenn Gott redet, dann spricht der Heilige Gott zu seinen Geschöpfen, der Herr zu seinem Diener: „Sprich Herr, dein Diener hört!“ Das heißt so viel wie: „Rede, denn ich bin ganz Ohr. Teile dich mir mit, sag was du willst. Ich bin bereit, dir zu gehorchen!“

    Wann hast du das letzte Mal Gott die Bereitschaft erklärt, ganz für ihn da zu sein und auf ihn zu hören?

    Ganz Ohr sein und aufmerksam hören, wenn Gott redet – das ist das Geheimnis eines Glaubens, der in dieser Welt Großes ausrichten kann, weil er sich an Gott ausrichtet.

    Dabei haben wir sicher sehr verschiedene Hörgewohnheiten. Um Gottes Stimme zu hören, ist es hilfreich, einen Platz zu suchen, an dem wir allein sind und es voraussichtlich auch die nächste Zeit bleiben werden.

    Eine Kirche, die nicht mehr Hören kann oder will, stellt sich selbst ins Abseits.

    Eine Kirche dagegen, die hinhört und gehorcht, wird in Übergangszeiten erleben, dass der lebendige Gott ihr beisteht – genauso wie auch jedem einzelnen Jesusnachfolger.

    Dann sind Übergangszeiten keine Katastrophe, sondern Chancen zu reifen und neue Glaubenserfahrungen zu machen.