predigt-2022-06-12

Predigt: Zur Seite genommen

Zur Predigtübersicht

Datum: 12.06.22
Bibelstelle: Epheser 4,1-6
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Deshalb ermutige ich euch, ich, der ich ein Gefangener bin für Jesus, den Herrn, dass ihr euer Leben so führt, dass es der Berufung entspricht, die Gott euch gegeben hat. (Epheser 4,1)

Ermutigen – ermahnen – auffordern: So wird das ursprüngliche altgriechische Wort „parakaleo“ in verschiedenen Bibelübersetzungen ins Deutsche übertragen.

„Parakaleo“ meint so viel wie „zur Seite rufen“: Einer ruft jemanden an seine Seite. Das, was er ihm zu sagen hat, ist sehr persönlich, nicht für andere Ohren bestimmt.

Paulus wird im heutigen Bibelabschnitt persönlich. Liebevoll, aber klar, in seelsorgerischem Ton gibt er den Christen in Ephesus und auch uns Wegweisung für ihr zukünftiges Miteinander.

In Ephesus ging es offensichtlich ruppig zu unter den Christen:

  • Zürnet ihr, so sündigt nicht … (Epheser 4,26)
  • Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Munde gehen … (Epheser 4,29)
  • Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch, samt aller Bosheit … (Epheser 4,31)

Dass es in Sportvereinen oder in Parteien hin und wieder drunter und drüber geht, gehört irgendwie zur Tagesordnung – aber in einer jungen christlichen Gemeinde?

Paulus erinnert die Gemeindemitglieder daran, wem sie seit ihrer Hinwendung zu Christus gehören. Wer aber IHM angehört, für den gehört sich nicht mehr alles.

  1. Lebt als Berufene

    Führt eurer Leben so, dass es der Berufung entspricht, die Gott euch gegeben hat. (Epheser 4,1)

    Menschen, die Jesus Christus nachfolgen sind Berufene. Das bedeutet:

    • Wir haben uns unser Christsein nicht erarbeitet.
    • Wir haben uns nicht durch einen überdurchschnittlichen Lebenswandel für ein Leben in der Nachfolge Jesu qualifiziert.
    • Wir sind einem Ruf gefolgt.

    Jesusleute sind zuerst und vor allem Berufene. Das Heil ist von außen auf uns zugekommen. Es hat unsere Herzen berührt, und wir haben darauf reagiert. Jesusleute müssen sich nicht „durchsetzen“, sie haben keinen Anlass, untereinander zu konkurrieren.

    Wenn aber mein Mitchrist neben mir ein Berufener ist, dann kann ich nur respektvoll mit ihm umgehen. Er ist derjenige, den der lebendige Gott an meine Seite gerufen hat. Ob es mir gefällt oder nicht.

  2. Ertraget einander

    Das bedeutet, dass ihr euch ganz von Demut und Milde prägen lasst, gepaart mit Großherzigkeit, und dass ihr euch gegenseitig in echter Liebe annehmt. (Epheser 4,2)

    Luther übersetzt: „Ertragt einer den andern in Liebe.“

    „Ertragt“ – das klingt so ein bisschen nach einem Waffenstillstandsabkommen, aber bedeutet weit mehr, als den anderen auszuhalten. „Ertraget einander in Liebe“ meint: Haltet einander aufrecht, stützt euch gegenseitig!

    Wir sind auf Ergänzung angewiesen. Weil es im Leben und auch im Glauben Schwankungen gibt. Weil niemand ein Leben lang als geistlicher Supermann oder geistliche Superfrau durchs Leben düst, sind wir darauf angewiesen, dass wir uns gegenseitig liebevoll aufrechterhalten.

    Wenn einer stolpert, dann soll er aufgefangen werden. Wir sind nicht dazu berufen, uns gegenseitig ein Bein zu stellen – sondern dazu, uns auf die Beine zu stellen.

  3. Bewahrt die Einheit

    Und auch, dass ihr euch intensiv dafür einsetzt, dass ihr die Einheit bewahrt, die der Geist Gottes uns gibt, durch das Band des Friedens, das alles zusammenhält. Es ist ja so: Ein einziger Körper und ein einziger Gottesgeist. Ja, genauso seid ihr berufen zu einer einzigen Hoffnung, die ihren Grund in eurer Berufung hat. (Epheser 4,3-4)

    Oft entzündet sich Streit zwischen Christen vordergründig an unterschiedlichen Erkenntnissen. Meiner Überzeugung nach stecken die eigentlichen Ursachen oftmals ganz woanders: „Unter ihnen entstand eine Diskussion über die Frage, wer von ihnen der Bedeutendste wäre.“ (Lukas 9,46)

    Wer ist der Bedeutendste? Wer gibt den Ton an? Und was befähigt ihn dazu?

    Wenn diese Fragen in der Kirche Jesu Christi vorherrschen, dann ist es wenig verwunderlich, wenn die Gottfernen, die auf der Suche sind, das Weite suchen. Eine Kirche, die zum Shalom, zum Frieden Gottes einlädt und selbst im Unfrieden lebt, ist nicht glaubwürdig.

    Paulus lenkt den Blick der Jesusleute auf das, was sie eint (Epheser 4,4-6):

    • Ein Körper sind sie.
    • Einen Geist haben sie.
    • Eine Hoffnung lässt sie getrost in die Zukunft blicken.

    Als Christen haben wir denselben Vater im Himmel, wir sind begnadigt durch das Blut des einen Gottessohnes und unser Glaube wird getragen durch die Kraft des einen Heiligen Geistes.

    Die daraus entstehende Einheit ist gefährdet, sie bedarf „intensiven Bemühens“: „Setzt euch intensiv dafür ein, dass ihr die Einheit bewahrt, die der Geist Gottes uns gibt, durch das Band des Friedens, das alles zusammenhält.“

    Diese Ratschläge wie „Lasst einander ausreden!“ oder Hört genau zu!“ sind sicher wichtig – aber Paulus ordnet sie etwas anderem unter:

    Das bedeutet, dass ihr euch ganz von Demut und Milde prägen lasst, gepaart mit Großherzigkeit, und dass ihr euch gegenseitig in echter Liebe annehmt. (Epheser 4,2)

    Lasst euch prägen! Was wir an uns heranlassen, wird auf Dauer in unserem Leben einen Eindruck hinterlassen. Lasst euch von Demut, Milde und Großherzigkeit prägen!

    In Jesus von Nazareth begegnen uns Demut, Milde und Großherzigkeit in Person. Im Umgang mit ihm, in der Stille, im Gebet und in den Evangelien wird unsere Persönlichkeit eine andere, eine neue Prägung bekommen. Diese neue Prägung könnte man auch mit dem Begriff „Heiligung“ beschreiben.

    Wird Gottes Geist uns gemeinsam, aber auch jeden Einzelnen zur Seite nehmen, uns seelsorgerlich alte Prägungen und Verhaltensmuster überwinden lassen, um auf einem gemeinsamen Weg zu bleiben?

    Wirst du dich zur Seite nehmen lassen und bereit sein, alles daran zu setzen, um die Einheit zu bewahren?