predigt-2022-04-15

Predigt: Der Mann im Riss

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Datum: 15.04.22
Bibelstelle: Hebräer 10,19-22
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Genau in dem Moment, in dem Jesus am Kreuz, draußen vor der Stadt auf dem Hügel Golgatha, seinen letzten Atemzug tut, zerreißt in der Stadt, mitten im Tempel, vor dem allerheiligsten Bereich, der Vorhang in zwei Teile:

Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriss in zwei Stücke, von oben bis unten … (Mattäus 27,51)

„Und siehe …“ – Schaut genau hin! Etwas im wahrsten Sinne des Wortes „Merkwürdiges“ geschieht: Jesus stirbt nicht wie die vielen anderen Märtyrer der Religionsgeschichte. Das Sterben Jesu zeigt unmittelbar Wirkung.

Wie war das noch mit dem Vorhang im Tempel?

Im 2. Mosebuch in Kapitel 26 gibt Gott Mose Anweisungen zum Bau der Stiftshütte, einer Art „Kirche unterwegs“, einer mobilen Anbetungsstätte, die man während der Zeit der Wüstenwanderung ohne große Schwierigkeiten auf- und abbauen konnte.

Du sollst einen Vorhang machen aus blauem und roten Purpur, Scharlach und gezwirnter feiner Leinwand und sollst Cherubim einweben in kunstreicher Arbeit … Und du sollst den Vorhang an die Haken aufhängen und die Lade mit dem Gesetz hinter den Vorhang setzen, dass er euch eine Scheidewand sei zwischen dem Heiligen und dem Allerheiligsten. (2. Mose 26,31-33)

Sowohl in der Stiftshütte wie später auch im Tempel gab es zwei Bereiche:

  • Das Heilige ist der Bereich, in dem die Priester ihrem Priesterdienst nachgingen.
  • Das Allerheiligste ist der Bereich, in dem die sogenannte Bundeslade mit den Gesetzestafeln aufbewahrt war.

Der Vorhang im Tempel war für die alttestamentliche Gemeinde zeichenhafte Predigt über die Beziehung Gottes zu seinem Volk:

  1. Die breite Kluft

    Seit der Ursünde, seit der Auflehnung der ersten Menschen gegen ihren Schöpfer, passen Gott und Mensch nicht mehr zusammen. Eine Kluft ist entstanden.

    Die Sünde ist so sehr Natur des Menschen geworden, dass er vor der Heiligkeit Gottes nicht mehr bestehen kann.

    Als Jesaja seinem Gott begegnet, schreit er auf: „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ (Jesaja 6,5)

    Der Tempelvorhang zum Allerheiligsten schützt den Menschen vor der Heiligkeit Gottes. Wäre er nicht geschützt, müsste er wie Jesaja laut aufschreien.

  2. Der schmale Spalt

    Gott mauert sich nicht ein. Ein Vorhang ist dazu da, dass man ihn hin und wieder einmal zur Seite schiebt.

    Ein Vorhang verhüllt – aber er verhüllt nicht auf Dauer: Am großen „Versöhnungstag“ – dem „jom kippur“ – wurde der Vorhang geöffnet.

    Einmal im Jahr betrat der amtierende Chefpriester das „Allerheiligste“, um für sich, seine Amtsbrüder und das gesamte Volk Versöhnung bei Gott zu erwirken.

    Nach diesem „Tag der offenen Tür“ wird alles wieder weggeschlossen – das Fest ist zu Ende.

  3. Der freie Zugang

    Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriss in zwei Stücke, von oben bis unten … (Matthäus 27,51)

    Die Trennung zwischen Gott und Mensch ist überwunden – und zwar von oben her!

    Wären Menschen zu Werke, dann würden sie den Vorhang von unten her aufreißen. Aber Gott selbst ist am Werke.

    Der Vorhang ist zerrissen, der alte Bund des Gesetzes ist durch einen neuen Bund, einen Blutsbund, überwunden.

    Der Opferbund, in dem regelmäßig Tiere geopfert wurden, ist abgelöst durch das einmalige, endgültige Opfer des Gottessohnes am Kreuz von Golgatha – ein segensreicher Wendepunkt in der Geschichte Gottes mit den Menschen.

  4. Unsere Antwort

    Durch das Sterben von Jesu hat Gott sich mit einer heillosen Welt versöhnt – jetzt stellt sich die Frage nach unserer Antwort.

    Wir haben jetzt also, liebe Geschwister, einen freien und ungehinderten Zugang zu Gottes Heiligtum; Jesus hat ihn uns durch sein Blut eröffnet … Deshalb wollen wir mit ungeteilter Hingabe und voller Vertrauen und Zuversicht vor Gott treten. (Hebräer 10,19-22)

    Der geöffnete Vorhang ist nicht dazu da, dass wir ihn bestaunen. Jesus ist nicht dafür gestorben, dass wir ihm dafür Anerkennung zollen, einen jährlichen Dankgottesdienst am Karfreitag abhalten und dann zur Tagesordnung übergehen.

    Der Vorhang ist zerrissen, damit wir durch ihn hindurch gehen. Deshalb wollen wir unsere frommen Zuschauerränge verlassen und ganze Sache mit Gott machen.

    Jeder einzelne ist gefragt, sein Herz in die Hand zu nehmen und im Gebet auf Gott zuzugehen und das Geschenk des offenen Vorhangs anzunehmen.