predigt-2022-02-13

Predigt: Tatort Getreidefeld

Gottes neue Welt: bedroht, aber unbesiegbar

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Datum: 13.02.22
Bibelstelle: Matthäus 13,24-30.36-43
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Ein geheimnisvoller Unbekannter schleicht zu nächtlicher Stunde über einen frisch eingesäten Acker. Ängstlich um sich blickend verteilt sie großflächig winzige Samenkörner auf den Acker.

Offensichtlich will er den Acker eines Konkurrenten mit Unkrautsamen schädigen. Diese Tat würde erst Wochen später sichtbar werden.

Wer war der Unbekannte? Was bezweckt er mit seiner nächtlichen Aktion?

  1. Keine schnelle Lösung

    Jesus antwortete: „Einer, der gegen uns ist, hat das getan!“ Da sagten seine Angestellten: „Willst du, dass wir auf das Feld gehen und das Unkraut ausreißen?“ Da sagte er: „Nein! Denn sonst reißt ihr noch den guten Weizen mit dem Unkraut heraus. (Matthäus 13,28-29)

    Wem war diese gemeine Tat zuzutrauen? Wem konnte man überhaupt noch trauen? Und wie können wir den Schaden beheben?

    Die Knechte im Gleichnis neigen zur schnellen, radikalen Lösung und würden am liebsten sofort das Unkraut mit der Hand herausrupfen. Der Besitzer des Feldes kann seine arbeitswütigen Mitarbeiter kaum zurückzuhalten.

    Jesus erläutert am Amfang der Geschichte, in welchen großen Rahmen diese Bildwort einzuordnen ist: Jesus vertraute ihnen noch eine andere Beispielerzählung an. Er sagte: „Man kann die neue Wirklichkeit, in der Gott alles bestimmt, mit einem Menschen vergleichen, der gutes Saatgut auf seinen eigenen Acker einsäte.“ (Matthäus 13,24)

    Das Generalthema des Gleichnisses ist „die neue Wirklichkeit, in der Gott alles bestimmt“ oder – in anderen Bibelübersetzungen – das „Reich Gottes“ oder das „Himmelreich“.

    Wie auch in der Bergpredigt geht es in den sogenannten Himmelreichsgleichnissen um die Frage nach dem Verhalten derer, die sich ins Reich Gottes gerufen wissen. Es geht um den Umgang derjenigen, die Nachfolger Christi sind und in denen sein Geist wohnt.

    Wenn es um Gottes Reich geht, um „die neue Wirklichkeit, in der Gott alles bestimmt“, sind schnelle radikale Lösungen nicht angebracht.

    Gutes und Böses wohnt nicht nur in der Menschheitsgeschichte, sondern auch in der Geschichte des Reiches Gottes Tür an Tür. Segensgeschichte und Unheilsgeschichte laufen nebeneinander her. Gedroschen wird erst, wenn beides, Gutes und Böses ausgereift sind. Gedroschen wird erst am Ende!

    Aber klare Grenzen hätten wir doch schon ganz gerne. Schwarze Schafe hier, weiße Schafe dort. Und das bedeutet in der Regel: Schwarzes Schaf, du – weißes Schaf, ich!

    Damit keine Missverstände aufkommen: Der Landwirt, der an seinem verunkrauteten Weizenfeld steht, blickt keineswegs begeistert auf das Unkraut. Er redet das Unkraut nicht schön.

    Manches, das sich auf dem Ackerboden des Reiches Gottes angesiedelt hat, ist tatsächlich Unkraut und raubt dem Getreide, Licht und Nährstoffe. Trotzdem fällt der Landwirt seinen arbeitswütigen Mitarbeitern in den Arm. Trotzdem mahnt er zur Geduld.

  2. Der eigentliche Streit

    Muss denn in der Gemeinde Gottes jedes Unkraut geduldet, gehegt und gepflegt werden? Gibt es nicht auch so etwas wie eine Verantwortung füreinander?

    Tatsächlich ist mit dem Gleichnis vom Unkraut im Getreideacker nicht alles gesagt, was Jesus zu diesem Thema gelehrt hat:

    • Seht euch deshalb vor! Wenn einer deiner Glaubensgeschwister Schuld auf sich lädt, dann sprich diese Angelegenheit direkt mit ihm an. Wenn er dann seine Meinung und sein Verhalten ändert, dann vergib ihm! (Lukas 17,3)
    • Warum starrst du auf den kleinen Splitter, der im Auge dei-nes Bruders steckt, und nimmst den dicken Balken gar nicht wahr, der aus deinem eigenen Auge herausragt? Und wie kannst du zu deinem Bruder sagen: „Mein Bruder, lass mich dir den Splitter aus deinem Auge entfernen!“, und den dicken Balken in deinem eigenen Auge siehst du nicht? Du frommer Schauspieler! Entferne zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge, und dann kannst du mit neuer Sehschärfe den Splitter aus dem Auge deines Bruders herausziehen! (Lukas 6,41-42)

    Ja, es gibt Handlungsbedarf. Aber Vorsicht ist geboten: Der Splitter im Auge meiner Glaubensgeschwister ist schnell ausgemacht. Wie aber sollte ich helfen können, wenn mir selbst ein Balken die Sicht versperrt?

    Mit den beiden Gleichnissen, in dem vom „Unkraut im Weizen“ und dem vom „Balken im eigenen Auge“ lenkt Jesus den Blick auf den eigentlichen Streit geistlichen Lebens.

    Dieser Streit findet nicht zuerst draußen statt auf einem Getreideacker, nicht draußen in unserer Gemeinde. Der eigentliche Streit zwischen Unkraut und Weizen findet in unseren eigenen Herzen statt. Es geht um das Unkraut im eigenen Herzen. Es geht darum, Schuld zu bekennen und neue geistliche Verhaltensweisen einzuüben.

    Da haben wir eine Menge Arbeit.

    Zudem: Wer weiß denn, ob nicht das Unkraut von heute, das wir mit wildem Geschrei ausgerissen haben, der Weizen von morgen gewesen wäre. Wer weiß denn, ob der, über dem ich heute den Stab gebrochen habe, schon morgen als veränderter Mensch, als Bruder oder Schwester in Christus vor mir steht?

    Im Reich Gottes sind immer Überraschungen inbegriffen. Nichts ist so klar, wie es manchmal scheint. Unkraut und Weizen sehen sich zum Verwechseln ähnlich.

  3. Die Auflösung

    Wie in jedem guten Krimi wird uns am Ende die Auflösung präsentiert:

    Der Mann, der das gute Saatgut ausstreut, ist der, dem Gott alle Herrschaft übergeben hat. Das Feld ist die Welt. Das gute Saatgut sind die Menschen, die zu Gottes neuer Wirklichkeit gehören. Aber das Unkraut, das sind die Menschen, die sich dem Bösen verschrieben haben. Der Weltenrichter wird seine Engel aussenden. Sie werden alles, was kaputt macht, und alle, die bewusst gegen Gottes Gerechtigkeit arbeiten, heraussammeln und im Feuer verbrennen. Denn das alles hat keinen Platz in der neuen Wirklichkeit Gottes. In diesem schrecklichen Gerichtsfeuer werden sie vor Angst heulen und mit den Zähnen knirschen. Doch wie die Sonne aufstrahlt in ihrem Glanz, so werden alle in Gottes neuer Wirklichkeit aufleuchten, die von ganzem Herzen der Gerechtigkeit nachstreben. Denn Gott ist ihr Vater. Nehmt euch meine Worte zu Herzen! (Matthäus 13,37-43)

    Begeben wir uns noch ein letztes Mal zurück an den Tatort: Der Landwirt und seine Mitarbeiter stehen vor dem verunkrauteten Feld und schütteln die Köpfe.
    Sorge macht sich breit. War nicht alles umsonst? Hat der Gegenspieler Gottes – der „Diabolos“, der große Durcheinanderbringer – nicht gewonnen?

    Die Antwort des Gleichnisses lässt uns aufatmen: Erst, wenn der Menschensohn Gericht hält, wird geerntet.

    Und Überraschung! Unter all dem Dickicht, dem Unkraut, das scheinbar den Platz an der Sonne gewonnen hat, ist der Weizen gewachsen und gereift.

    Der Tag der großen Ernte wird ein Tag voller Überraschungen sein: Wir werden überrascht sein, wie weitreichend Schuld unser Leben durchsetzt hat. Aber wir werden auch überrascht sein, wie unendlich weiter die Vergebung reicht, die der Sohn Gottes für uns am Kreuz auf Golgatha erworben hat.

    Vieles, bei dem wir dachten, mit unserer Mühe kläglich gescheitert zu sein, wird zur Frucht gereift sein. Viele Menschen, die wir als Unkraut eingeordnet und abgeschrieben haben, werden auf dem großen Getreideberg als ewige Frucht für Gottes neue Welt aufgehäuft sein.

    Trotz aller inneren und äußeren Widerstände: Die Ernte wird einen überragenden Ertrag bringen. Der Gegenspieler Gottes wird sein Ziel nicht erreichen. Er kann die Nachfolger Jesu ängstigen – aber er wird sie nicht besiegen.

    „… und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ (Matthäus 16,18)

    Aus allem Chaos, in aller Angefochtenheit und aller Niedrigkeit, werden diejenigen, die Jesus nachfolgen, als Ernte in Gottes ewigem Reich wiedergefunden werden.