predigt-2022-01-02

Predigt: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen (Predigt zur Jahreslosung 2022)

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Datum: 02.01.22
Bibelstelle: Johannes 6,37
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

In Lukas 15,11-32 erzählt Jesus das Gleichnis von den zwei Söhnen.

Mit leeren Taschen, verdreckten Klamotten und innerlich am Boden zerstört, hockt er im Matsch und schaut den Schweinen beim Fressen zu. Alles, was sein Vater ihm ausgezahlt hatte, war ihm in kürzester Zeit wie Sand zwischen den Fingern zerronnen.

Und jetzt? Wenn er nicht elendig verrecken will – dann würde er wohl seinen ganzen Stolz überwinden und zurückkehren müssen.

Aber gab es denn ein Zurück? Er selbst hatte doch die Tür hinter sich zugezogen – würde sie ihm wieder offen stehen?

Was dann allerdings geschieht, hat er sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können: Er wird erwartet! Die Tür steht für ihn offen!

Von weitem läuft ihm sein Vater entgegen und schließt ihn in die Arme. Sein Vater schiebt ihm den Familienring auf den Finger, legt seinen Arm um ihn und geleitet ihn zurück nach Hause. Was für ein starkes Bild für die Sehnsucht eines Vaters nach seinem Kind!

„So ist ER, unser Vater im Himmel“, erklärt Jesus seinen Zuhörern. Gottes Vaterherz schlägt für diejenigen, die ihm den Rücken gekehrt haben.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ (Jahreslosung 2022 aus Johannes 6,37)

Ende gut – alles gut!? Doch das Gleichnis geht weiter: Der Bruder des Heimkehrers kehrt heim.

Müde von der harten Abend auf dem Feld traut er seinen eigenen Augen nicht: Sein Bruder, der seine Familie im Stich gelassen hat, dessen Arbeit er über Wochen zusätzlich übernehmen musste, ist zurück. Und er ist nicht nur zurück – er ist scheinbar die Mitte, um die sich alles dreht.

„Denn er, mein Sohn, war tot und ist wieder lebendig geworden. Er war verloren und ist wiedergefunden worden!“ Da fingen sie alle an, fröhlich zu feiern. (Lukas 15,24)

Alle feiern – bis auf einen: Der daheimgebliebene Sohn versteht die Welt nicht mehr. Er, die rechte Hand seines Vaters, derjenige, der sich nie etwas hat zuschulden kommen lassen – steht unbeachtet am Rand. Was für eine Ungerechtigkeit! Wut, Bitterkeit und Enttäuschung machen sich breit.

Die Art, wie sein Vater dem Heimkehrer einen großen Bahnhof bereitet, ist ein Skandal!

Wenige Kapitel später, im Lukasevangelium Kapitel 19, erfahren wir, wie sich Gottes Vaterherz in Jesu Alltag widerspiegelte. Lukas berichtet von der letzten Reise Jesu nach Jerusalem. Der Weg dorthin ist weit und mühsam und so nutzen die Pilger in Jericho die Gelegenheit zu einer letzten Rast.

Wenige Kapitel später, im Lukasevangelium Kapitel 19, werden wir Zeugen, wie sich das, was Jesus in diesem Gleichnis seinen Zuhörer erklärt hat, in seinem Alltag widerspiegelte. Lukas berichtet von der letzten Reise Jesu nach Jerusalem. Der Weg dorthin ist weit und mühsam und so nutzen die Pilger in Jericho die Gelegenheit zu einer letzten Rast.

Als Jesus und seine Jünger in Jericho einziehen, stehen die Menschen schon dicht gedrängt am Straßenrand. Jeder will einen Blick auf den Wunderheiler und überaus klugen Lehrer aus Nazareth erhaschen.

Ganz hinten, in der letzten Reihe, drücken sich die Habenichtse und Zwielichtigen herum.

Jesus lässt die Menschen links und rechts der Straße stehen und geht auf einen Maulbeerfeigenbaum zu. Dort, auf einem Ast hockend, spitzelt Zachäus, der allseits unbeliebte Steuereintreiber, durch das dichte Blattwerk hervor:

Als Jesus dorthin kam, blickte er nach oben und sagte zu ihm: „Zachäus, steig schnell vom Baum herunter! Denn heute muss ich unbedingt als Gast in dein Haus kommen!“ Da kam er schleunigst wieder herunter und nahm Jesus voller Freude bei sich auf. Alle, die das sahen, regten sich auf und sagten: „Das ist doch unerhört! Bei einem Menschen, der bewusst gegen Gottes Willen verstößt, ist er als Gast im Haus eingekehrt!“ (Lukas 19,5-7)

Das ist doch unerhört, ein Skandal! Genau an diesem Punkt gleichen sich das Gleichnis vom heimkehrenden Sohn und der Bericht von der Begegnung von Jesus und dem Zolleinnehmer Zachäus.

Hier wird deutlich: Gottes Zuwendung gilt allen – aber sie gilt in besonderem Maße denen, die um ihre Gottesbedürftigkeit wissen, die nichts auf ihrem frommen Punktekonto vorzuweisen haben.

Genau das war für die Frommen damals und ist für viele Fromme heute ein Skandal.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ – Die Jahreslosung 2022 hat ihren Ursprung in einer Frömmigkeit, in der sehr deutlich zwischen Gerechten und Sündern unterschieden wurde.

Das was für den heimkehrenden Sohn und den Zöllner Zachäus das Evangelium – die gute Nachricht – bedeutet, empfindet das fromme Judentum als ernste Bedrohung:

Da beschwerten sich die Pharisäer und die Theologen bei den Schülern von Jesus mit den Worten: „Was soll das? Ihr setzt euch mit den Zolleintreibern und den Leuten, die mit ihrer ganzen Lebensweise gegen Gottes Gebote verstoßen, an einen Tisch!“ (Lukas 5,30)

Jesus hörte das und antwortete: „Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um Sünder in die Gemeinschaft mit Gott zu rufen, und nicht solche, die sich sowieso für gut genug halten.“ (Markus 2,17)

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ – Mit der Jahreslosung 2022 steht über dem neuen Jahr eine doppelte Einladung:

  1. Du bist eingeladen – komm!

    Aus dem Gleichnis vom heimkehrenden Sohn lernen wir: Es gibt keine Schweinerei, die dich abhalten müsste, dich deinem himmlischen Vater in die Arme zu werfen.

    ER wird dir die Tür nicht vor der Nase zuschlagen. ER wartet auf dich, wenn du dich ihm das erste Mal zuwendest. Und ER wartet auch dann auf dich, wenn du dich ihm – vielleicht nach langer Zeit – wieder einmal zuwendest.

    „Komm“ – das heißt: Du bist eingeladen – aber du wirst nicht gezwungen. Lass dich nicht abhalten, nicht von deinem Stolz und nicht von den Vorbehalten anderer – die Tür zu deinem Vater im Himmel steht offen.

    Mit einem Gebet kannst du dich deinem Gott in die Arme werfen. Du bist eingeladen – komm!

  2. Du hast eine Aufgabe – geh hin!

    Die Einladung von Jesus braucht Boten und Botinnen, die diese Einladung weitertragen. Als Christen haben wir die Aufgabe, Brücken zu bauen zu denjenigen, die Gott noch nicht kennen.

    Die Einladung, die in der Jahreslosung ausgedrückt wird, braucht Jünger und Jüngerinnen, die sich nicht zu schade sind, die Nähe zu den Gottentfremdeten zu suchen.

    Sie braucht hingegebene Gotteskinder, die sich nicht selbstgerecht über andere erheben und sich von ihnen abwenden, sondern die durch ihr Leben und ihre Worte Wegbereiter sind für diejenigen, die den Weg zum Vater nicht mehr kennen.

Es gibt unterschiedliche Anmarschwege zur Begegnung mit dem auferstandenen Christus. Aber niemanden, keinen Menschen hat es auf dieser Erde, den ER wegschicken wird.