predigt-2021-09-19

Predigt: Der werfe den ersten Stein!

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Datum: 19.09.21
Bibelstelle: Johannes 8,1-11
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Wir Menschen gleichen manchmal den Schweinen: Wir wühlen gerne im Dreck anderer. Wir ächten die bösen Buben und Mädels der Nation gnadenlos.

In gewisser Hinsicht sind wir auch auf sie angewiesen, denn sie bilden den schwarzen Hintergrund, von dem wir uns mit unserem Grau noch abheben können. Selbstverständlich haben wir auch unsere kleinen Schwächen – aber so wie die …?

Der heutige Bibeltext berichtet von potenziellen Steinewerfern, von einer Frau, die auf frischer Tat beim Sex mit ihrem Liebhaber erwischt wurde, und davon, wie Jesus mit Menschen umgeht, die schuldig geworden sind.

  1. Der absolute Albtraum

    Da schleppten die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau heran, die beim Ehebruch ertappt worden war, stießen sie in die Mitte, damit jeder sie sehen konnte und sagten zu Jesus: „Diese Frau wurde beim Ehebruch überrascht. Wenn wir das Gesetz des Mose befolgen wollen, müssen wir sie steinigen. Was meinst du dazu?“ (Johannes 8,3-5)

    Mit ein wenig Fantasie können wir uns vorstellen, wie sich die namenlose Frau aus dem Bibeltext gefühlt haben muss. Was ihr passiert, ist ein absoluter Albtraum.

    Vielleicht erinnerst du dich an Situationen, die vermutlich längst nicht so lebensbedrohlich, aber doch in hohem Maße peinlich waren. Da wärst du am liebsten vor Scham im Erdboden versunken.

    Solche Momente prägen sich tief uns unser Gedächtnis ein. Wenn man uns schon kritisieren muss, dann doch bitte unter vier Augen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und bitte mit dem angemessenen Fingerspitzengefühl.

    Die Angeklagte weckt in mir Mitgefühl und vielleicht auch Empörung. Völlig allein steht die Frau ihren Anklägern gegenüber.

    „Alle, gegen einen – das ist unfair!“ schreit der Gerechtigkeitsfanatiker in uns. Die Frau braucht einen Rechtsanwalt, jemand, der zu ihr hält und sie verteidigt.

    Verständlich wäre auch eine feministische Empörung: Wieder einmal ist es eine Frau, die als Sündenbock geopfert werden soll. Warum haben die jüdischen Gesetzesvertreter den Mann laufen lassen?

    Nicht verwunderlich wäre auch ein Einwand aus humanitären Motiven. Die Menschenwürde wird mit Füßen getreten. In unserer von der Aufklärung und vom Humanismus geprägten Gesellschaftsform stellt „Ehebruch“ keine Straftat dar.

    Nun lebte die Frau, um die es geht, nicht im nachchristlichen Deutschland. Sie war Jüdin und sie wusste sehr wohl, worauf sie sich bei ihrem „Techtelmechtel“ eingelassen hatte. Sie kannte die göttlichen Lebensregeln der zehn Gebote von Kindesbeinen an und den hohen Stellenwert der ehelichen Treue. In der Treue der Ehepartner sollte sich die Treue Gottes zu seinem Volk widerspiegeln.

    Die Frau hatte nach jüdischem Recht zu damaliger Zeit eine Straftat begangen. Sie und der beteiligte Mann, hatten bewusst Gottes Ordnung übertreten. Sie waren vor Gott und im Blick auf das jüdische Recht schuldig.

  2. Die unvorhergesehene Wende

    Was sind das für Leute, die die Lehrveranstaltung im Tempel unterbrechen und Jesus um Rat bitten? Was sind ihre Motive?

    Johannes klärt uns auf: Das war eine Fangfrage. Sie suchten nämlich nach einem Anlass, um Jesus anklagen zu können. Aber Jesus schien gar nicht auf ihre Frage zu achten; er bückte sich und schrieb mit seinem Finger auf die Erde. (Johannes 8,6)

    Der ganze Aufzug, all die Peinlichkeiten dienten dazu, Jesus aufs berüchtigte Glatteis zu führen. Die Frau ist für sie nicht mehr als Mittel zum Zweck.

    Sie ist ein „Bauernopfer“: Sie wird geopfert, um Jesus – den „König der Könige“ – matt zu setzen. Scheinheilig appellieren die Vertreter des Gesetzes an die Liebe von Jesus zu den Gescheiterten, um ihn dann hinterlistig mit dem Gesetz des Mose zur Strecke zu bringen.

    Jesus entdeckt auf den ersten Blick die Verlogenheit hinter der frommen Fassade. Und – er zeichnet in den Sand. Die Pharisäer und Schriftgelehrten wollen Jesus ihre Spielregeln aufzwingen – aber er spielt nicht.

    Die Ankläger lassen nicht locker: Als sie hartnäckig nach einer Erklärung verlangten … (Johannes 8,7a)

    Endlich steht Jesus auf. Die aufgebrachte Menge verstummt – blickt gespannt auf das Geschehen. Nur noch das ängstliche Wimmern der Frau ist zu hören. Ihr Leben hängt am seidenen Faden, hängt ab von der Antwort von Jesus.

    Alle blicken auf die Frau. Und Jesus blickt den Anklägern in die Augen: „Der unter euch keine Sünde hat, der soll mit dem Steinewerfen beginnen.“ (Johannes 8,7b)

    Betretenes Schweigen. Plötzlich senken die Gesetzestreuen ihre die Blicke. Die Bibelkenner und Bibeltreuen sind nicht so verblendet, dass sie nicht um ihre eigene Gesetzesübertretungen wüssten.

    Die jüdischen Geistlichen waren als Kläger aufgetreten, jetzt waren sie zu Angeklagten ihres eigenen Gewissens geworden. Sie wollten mit Steinen werfen, und plötzlich ahnen sie etwas von den zerbrechlichen Scheiben des Glashauses, in dem sie selbst zuhause sind.

    Mit einem Mal hat der große Auftritt der Frommen ein Ende, und sie machen sich aus dem Staub.

    Eigentlich schade: Menschen, die ganz nah an Jesus dran sind, drehen ab. Aus Angst, vor den anderen das Gesicht zu verlieren, weichen sie der ehrlichen Begegnung mit Jesus aus und suchen das Weite.

  3. Der überraschende Freispruch

    Schließlich war Jesus mit der Frau allein.

    Da stand er auf und fragte sie: „Wo sind jetzt deine Ankläger? Hat dich denn keiner verurteilt?“ „Nein, Herr“, antwortete sie. „Dann verurteile ich dich auch nicht“, entgegnete ihr Jesus. „Geh, und von jetzt an sündige nicht mehr!“ (Johannes 8,10-11)

    Augustin schreibt über diesen Bibelabschnitt: „Großes Elend und großes Erbarmen bleiben allein zurück.“

    Derjenige, den Gott einsetzen wird, um bei der letzten Beurteilung Recht zu sprechen, steht vor der Ehebrecherin und verurteilt sie nicht. Der einzig Sündlose begegnet der Frau voller Barmherzigkeit.

    Wir als neutestamentliche Gemeinde bekommen eine Lehrstunde, wie die Bergpredigt praktisch gelebt werden kann: Seid also genauso barmherzig wie euer Vater, der voller Barmherzigkeit ist. Und verurteilt niemanden, dann werdet ihr auch nicht verurteilt werden. Behandelt niemanden von oben herab, dann werdet ihr auch nicht verächtlich behandelt. Vergebt anderen, dann werdet ihr auch Vergebung erfahren. (Lukas 6,36-37)

    Öffnet diese laxe Haltung von Jesus der Unmoral nicht Tor und Tür? Warum lässt Jesus die Frau laufen? Die Antwort gibt Jesus selbst:

    • Jesus hörte das und antwortete: „Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um Sünder in die Gemeinschaft mit Gott zu rufen, und nicht solche, die sich sowieso für gut genug halten.“ (Markus 2,17)
    • „Ich bin gekommen, um Sünder zur Umkehr zu Gott zu rufen, und nicht solche, die sich sowieso für gut genug halten.“ (Lukas 5,32)

    Der Auftrag von Jesus ist der Ruf zur Umkehr. Der Freispruch Jesu ermöglicht der Frau einen Neuanfang.

    Noch ist Zeit zur Umkehr. Zeit zur Umkehr für die Ehebrecherin und auch Zeit zur Umkehr für diejenigen, die in ihren Herzen hart geworden sind – vielleicht auch für uns: „Geh, und von jetzt an sündige nicht mehr!“

Fragen zum Nachdenken:

  • Wo habe ich Menschen verurteilt? Wo habe ich in liebloser Weise über sie geredet?
  • Wann habe ich den Freispruch von Jesus erlebt? Wann habe ich seine Vergebung beansprucht?
  • Bin ich bereit, gottlose Verhaltensweisen aufzugeben? Bin ich bereit, mein Leben an Gottes Ordnungen auszurichten?

Wann werde ich damit beginnen?