predigt-2021-08-08

Predigt: In der Wüste begleitet und umsorgt

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Datum: 08.08.21
Bibelstelle: 1. Könige 19,2-15
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Wüstenzeiten sind Zeiten glaubensmäßiger Trockenheit, Zeiten der Zweifel und Anfechtungen. Zeiten, in denen uns die Frage des Jeremia beschäftigt: „Warum geht’s doch den Gottlosen so gut, und die Abtrünnigen haben alles in Fülle?“ (Jeremia 12,1)

Von ähnlichen Fragen und Zweifeln getrieben war Elia, die Hauptfigur im heutigen Predigttext aus 1. Könige 19.

Elia, der eben noch kräftestrotzende Prophet, der respekteinflößende Mann Gottes schleppt sich in die Wüste, wie ein angeschlagener Boxer in die Ringecke. Der Prophet sucht die Einsamkeit. Niemand soll seine Verzweiflung und seine Tränen sehen. Niemand ihn mit gut gemeinten Ratschlägen überhäufen.

Elia wirkte in einer Zeit, in der sich seine israelischen Zeitgenossen des Nordreiches zunehmend dem kanaanitischen Baalskult zugewandt hatten. Die alte Geschichte Gottes – die Herausführung aus Ägypten, die Wunder während der Wüstenwanderung – geriet zunehmend in Vergessenheit.

Das erste Gebot wurde nicht mehr ernst genommen: „Ich bin JAHWE (der Herr), dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“

In diese schwierige Lage hinein predigt Elia. Er will die Menschen wachrütteln. Er will sie neu für den einen, wahren Gott begeistern. Elia kann dieses religiöses Müsli, in dem unterschiedlichste Religionen nach Belieben zusammengerührt werden, nicht akzeptieren.

„Entscheidet euch!“, ruft er den Leuten zu. Der Gott, der sich in der Bibel offenbart, ist ein heiliger, souveräner Gott. Er duldet keine anderen Gottheiten neben sich.

Auch wir leben in einer Zeit, in der Glaube und Religion beliebig geworden sind. Der moderne Mensch wählt aus dem religiösen Angebot, was er für gut und nützlich hält, und wird damit im Grunde sein eigener Gott.

Der Predigttext beschreibt jedoch nicht den streitbaren Propheten, sondern einen angeschlagenen, der kräftemäßig am Ende ist: … und ging eine Tagereise weit in die Wüste hinein. Dann setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich zu sterben. „Jetzt ist es genug, Jahwe!“, sagte er. „Nimm mein Leben von mir! Ich bin auch nicht besser als meine Väter.“ (1. Könige 19,4)

„Mein Gott, es reicht!“ – Kannst du dich an Situationen erinnern, in denen du so gebetet hast? In denen du innerlich resigniert hast?

Die Ursachen für Resignation können sehr verschieden sein. Vielleicht hatte die Resignation etwas zu tun mit einer Ernüchterung: Elia wollte seinen Job besser machen als seine Amtsvorgänger. Er hatte sich große Ziele gesetzt …

Viele Erschöpfungs- oder Überlastungsdepressionen sind das Ergebnis selbstgesteckter oder auch von außen herangetragener hoher Ziele: „Sieh zu, dass du in deinem Leben alle Möglichkeiten ausschöpfst. Streng dich an. Hau rein. Nutze die Gelegenheit, um auf der Karriereleiter nach oben zu kommen.“

Hohe Ziele sind nicht unbedingt falsch, aber wer hohe Ziele hat, kann auch tief fallen. Nicht selten verbirgt sich hinter hohen Zielen auch Selbstüberschätzung und mangelnde Demut.

Dann legte er sich hin und schlief unter dem einsamen Ginsterbusch ein. Da rührte ihn auf einmal ein Engel an und sagte: „Steh auf und iss!“ Als Elia sich umschaute, sah er neben seinem Kopf ein Fladenbrot, das auf heißen Steinen gebacken war, und einen Krug Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Doch der Engel Jahwes kam noch einmal und weckte ihn. „Steh auf und iss!“, sagte er. „Du hast einen weiten Weg vor dir.“ (1. Könige 19,5-7)

Gott begegnet seinem Diener sehr behutsam, fürsorglich und seelsorgerlich. Gott sorgt dafür, dass Elia schlafen kann und dass genug zu essen und zu trinken auf seinem Nachttisch steht.

Leib und Seele gehören zusammen. Wenn der Leib nicht bekommt, was er braucht, leidet die Seele. Und wenn die Seele leidet, dann reagiert über kurz oder lang auch der Körper.

Selbstverständlich hätte die Begegnung Gottes mit Elia auch völlig anders weitaus spektakulärer ablaufen können: Gott hätte Elia unter dem Ginsterstrauch auch mit Kraft aus seiner ewigen Welt impfen können. Doch der lebendige Gott leistet es sich, behutsam und sanft mit Elia umzugehen.

Nachdem Elia wieder einigermaßen im Gleichgewicht ist, beginnt Gott durch einen Engel mit ihm zu reden: „Steh auf und iss! Du hast einen weiten Weg vor dir.“ Elia braucht diese Neuberufung. Er muss wissen, ob er weiterhin im Dienst seines Gottes ist – oder ob er als Gescheiterter ausgemustert und in den Ruhestand befördert wird.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach der Berufung und Sendung Gottes auch für uns: Hast du schon einmal die Frage nach deiner ganz persönlichen Berufung bewegt? Welche besondere Aufgabe und welche damit verbundenen Gaben hat Gott dir gegeben?

Berufungen können sich im Laufe eines Lebens ändern. Das Leben ist zu kurz und zu schade, als dass wir es nur einfach so ableben sollten. Mach dich auf die Suche nach deiner Berufung!

Wie kommt Elia zu seiner Neuberufung? Indem er genau hinhört:

Da sagte Jahwe: „Geh hinaus und stell dich auf den Berg vor mich hin! Pass auf! Jahwe wird an dir vorübergehen.“ Da kam ein heftiger Sturm herauf, der Felsen aus den Bergen riss und vor Jahwe zerschmetterte. Doch Jahwe war nicht im Sturm. Nach dem Sturm bebte die Erde, aber Jahwe war nicht im Beben. Nach dem Erdbeben ein Feuer, doch Jahwe war nicht im Feuer. Nach dem Feuer der Ton eines dahinschwebenden Schweigens. Als Elia das hörte, verhüllte er sein Gesicht mit dem Mantel und stellte sich in den Eingang der Höhle. Da sagte Jahwe zu ihm: „Geh den Weg durch die Wüste wieder zurück! Geh bis nach Damaskus und salbe dort Hasaël zum König über Syrien. (1. Könige 19,11-15)

Gott offenbart sich weder im Sturm noch im Erdbeben noch im Feuer, sondern im „Ton eines dahinschwebenden Schweigens“, im „Klang der sanften Stille“. Gott kommt auf leisen Sohlen. Gott schreit nicht.

Wir als Leute Gottes leben davon, dass Gott sich uns mitteilt. Der angeschlagene Prophet kommt auf die Beine, findet wieder neu seine Berufung, weil er sich die Leibsorge Gottes gefallen lässt und weil er bereit ist, sich auf den Gott der leisen Töne einzulassen.

Der lebendige Gott wird keinen von uns dauerhaft unter dem Ginsterstrauch der Resignation hocken lassen.

Ja, Wüste(n)-Zeiten sind Teil unseres Lebens und sie können hin und wieder ganz schön lange dauern. Der lebendige Gott leistet es sich, seine Berufenen in die Wüste zu schicken. Aber nicht, um sie zu piesacken oder zu zerstören, sondern um sie auf neue, größere Aufgaben vorzubereiten.