predigt-2021-05-30

Predigt: Von Heiligen und Heiligung

Zur Predigtübersicht

Datum: 30.05.21
Bibelstelle: Epheser 1,1; 2,1-8
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Nach der Verwandlung der Raupe in einen Schmetterling hat sich die Außenwahrnehmung des Falters völlig verändert: Er sieht die Dinge mit anderen Augen und aus einer anderen Perspektive. Bisher, als Raupe, war seine Sicht äußerst eingeschränkt, jetzt kann er die Dinge von oben sehen. Das Raupendasein ist endgültig Geschichte. Jetzt gilt es, das neue Leben zu genießen und Neuland zu entdecken.

Die Verwandlung, die Metamorphose, entspricht – im übertragenen Sinne – genau dem, was geschieht, wenn ein Mensch zum Glauben kommt und mit dem Geist Gottes erfüllt wird.

Das neue, von Christus erfüllte Leben der Christen eröffnet neue Lebensräume, die es zu entdecken und einzunehmen gilt. Diesen Vorgang bezeichnet die Bibel „Heiligung“.

Zu den Begriffen „heilig“ und „Heiligung“ gibt es viele Missverständnisse und Vorbehalte.

Immerhin zehn Mal bezeichnet Paulus die Gottesdienstgemeinde, an die der Brief gerichtet war, als „Heilige“: Paulus, Apostel Christi Jesu durch Gottes Willen, den Heiligen und an Christus Jesus Gläubigen, die in Ephesus sind. (Epheser 1,1)

Die Glaubenden oder Gläubigen werden als „Heilige“ betitelt – auch dann, wenn sie vielleicht noch jung im Glauben sind, noch an der einen oder anderen Stelle unheilige Verhaltensweisen an den Tag legen.

Jeder, der sein Leben Jesus Christus übereignet hat, ist ein Heiliger: Du musst dich nicht abrackern, um irgendwann, wenn du einen gewissen Level von Frömmigkeit erreicht hast, von Gott „heiliggesprochen“ zu werden. Du bist es schon.

Wenn also heute Morgen jemand neben dir sitzt, der Jesus Christus nachfolgt, dann hast du das große Glück, einen Heiligen/eine Heilige neben dir sitzen zu haben. Begegne ihm/ihr dementsprechend liebevoll. Es ist jemand, den Gott selbst „heiliggesprochen“ hat.

Was aber meint das Eigenschaftswort „heilig“? „Heilig“ ist schlicht und einfach das, was Gott gehört.

Aus dem Alten Testament kennen wir die Eigenschaft „heilig“ im Zusammenhang mit den Gerätschaften, die im Gottesdienst, in der Stiftshütte oder später im Tempel verwendet wurden. Die Heiligkeit dieser Gerätschaften bestand darin, dass sie Gott geweiht waren – und weil sie ausschließlich im Gottesdienst verwendet wurden.

Die an Jesus Glaubenden bestehen, äußerlich betrachtet, aus der gleichen Substanz wie die Nichtglaubenden – sie sind auch nicht immer die moralisch besseren Menschen. „Heilig“ sind sie deshalb, weil sie Gott gehören.

Du bist ein Heiliger, du bist eine Heilige! Wie ist es dazu gekommen? Warum kann ich das behaupten?

Zunächst einmal beschreibt Paulus die Vergangenheit der Heiligen und Glaubenden:

Auch euch hat Gott zusammen mit Christus lebendig gemacht. Ihr wart nämlich tot – tot aufgrund der Verfehlungen und Sünden, die euer früheres Leben bestimmten.
(Epheser 2,1-2a)

„Ihr war tot!“ – Ihr seid nicht mit einem Heiligenschein geboren. Als „geistliche Totgeburten“ habt ihr das Licht dieser Welt erblickt.

Vielleicht könnte man den biblischen Todesbegriff mit einer Telefonleitung vergleichen: Eine Leitung kann tot sein.

Im übertragenen Sinne ist die Leitung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer tot. Eine lebendige Beziehung ist nicht vorhanden. Das, was die Beziehung zwischen Gott und seinem Geschöpf Mensch unmöglich macht ist, aus der Sicht der Bibel, die Sünde.

Eure Vergangenheit, so Paulus, steht unter den Vorzeichen von „Verfehlungen oder Übertretungen“ und „Sünde“:

  • „Übertretungen“ meint ein Leben außerhalb der göttlichen Vorgaben. Dieses Leben stand unter dem „Ungültigkeitsurteil Gottes“.
  • „Sünde“ ist weiter, grundsätzlicher zu verstehen und bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie Fehlschuss, Zielverfehlung oder einfach „vorbei“. „Sünde“ meint ein Leben, das daneben greift und in den Abgrund stürzt. „Sünde“ meint eine Lebenshaltung, die sich nicht nach Gott ausstreckt, sondern sich ausschließlich mit sich selbst beschäftigt.

Ihr hattet euch nach den Maßstäben dieser Welt gerichtet und wart dem gefolgt, der über die Mächte der unsichtbaren Welt zwischen Himmel und Erde herrscht, jenem Geist, der bis heute in denen am Werk ist, die nicht bereit sind, Gott zu gehorchen. Wir alle haben früher so gelebt; wir ließen uns von den Begierden unserer eigenen Natur leiten und taten, wozu unsere selbstsüchtigen Gedanken uns drängten. So, wie wir unserem Wesen nach waren, hatten wir – genau wie alle anderen – nichts verdient als Gottes Zorn. (Epheser 2,2b-3)

Auch Paulus, der große Völkerapostel, der leidenschaftliche Verfechter für die reine jüdische Lehre, wurde nicht als Heiliger geboren. Er dachte, ganz nah am Willen Gottes zu sein – aber er war meilenweit entfernt davon. Aber die Angelegenheit ist nicht aussichtslos:

Doch/aber Gottes Erbarmen ist unbegreiflich groß! Wir waren aufgrund unserer Verfehlungen tot, aber er hat uns so sehr geliebt, dass er uns zusammen mit Christus lebendig gemacht hat. Ja, es ist nichts als Gnade, dass ihr gerettet seid! (Epheser 2,4-5)

Gottes „ABER“ wird zur Wendemarke: In seiner Liebe und Barmherzigkeit hat der lebendige Gott das Ruder herumgerissen.

Gott hat seinen Sohn Jesus Christus gesandt. Als dieser am Kreuz von Golgatha die Verfehlungen und Übertretungen der Menschheit auf sich nimmt, zerreißt der Tempelvorhang von oben nach unten. Der Zugang zu Gott wird frei. Die Leitung ist nicht mehr tot. Diejenigen, die ihr Leben an den Christus Gottes abtreten, erleben eine neue Lebendigkeit, eine geistliche Neugeburt.

Wir, die Glaubenden, sind noch nicht vollendet – Niedrigkeit, Krankheit und Elend machen keinen Bogen um uns. Dennoch gehören wir aus Gottes Sicht schon in ein neues Zeitalter:

Denn was wir sind, ist Gottes Werk; er hat uns durch Jesus Christus dazu geschaffen, das zu tun, was gut und richtig ist. Gott hat alles, was wir tun sollen, vorbereitet; an uns ist es nun, das Vorbereitete auszuführen. (Epheser 2,10)

Jeder, den die Gnade Gottes erreicht hat, ist gleichzeitig „Werkstück“ und „Werkzeug“:

  • Du bist sein Werkstück: Durch das Kreuz Jesu bist du geistlich gesehen ein neuer Menschen geworden. Gott hat dich gnädig angenommen.
  • Du bist sein Werkzeug: Gott hat dich zu einem neuen Leben befreit. Und jetzt will er durch dich handeln.

Die „guten Werke“ sind kein Mittel, ja noch nicht einmal ein geringfügiger Beitrag zu unserer Heiligsprechung. „Gute Werke“ sind Möglichkeit und Ausdrucksform eines durch den Geist Gottes erfüllten Lebens. Sie sind ein Mittel, das Heil Gottes dieser Welt zugänglich zu machen.

Der lebendige Gott hat alle Voraussetzungen geschaffen. Jetzt bist du herausgefordert, den Raum einzunehmen, den Er dir eröffnet. Jetzt kann „Heiligung“ konkret werden.