predigt-2021-05-09

Predigt: Nur die Liebe zählt

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Datum: 09.05.21
Bibelstelle: 1. Johannes 4,7-12
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Ein Mensch, der nicht geliebt wird, gleicht einer Pflanze, die zu wenig Licht hat. Sie streckt sich und streckt sich, und am Ende wird sie verkümmern. Geliebtsein macht uns stark.

Das große Thema der Bibel ist die Liebe. Einer der biblischen Autoren, die ihr besonderes Augenmerk auf die Liebe richteten, war der Evangelist Johannes (1. Johannes 4,7-12):

  • Geliebte, lasst uns einander lieben, denn die Liebe kommt von Gott. Wer liebt, ist von Gott geboren und kennt Gott.
  • Wer aber nicht liebt, kennt Gott nicht – denn Gott ist Liebe.
  • Gottes Liebe zu uns zeigt sich darin, dass er seinen einzigen Sohn in die Welt sandte, damit wir durch ihn das ewige Leben haben.
  • Und das ist die wahre Liebe: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns zuerst geliebt und hat seinen Sohn gesandt, damit er uns von unserer Schuld befreit.
  • Liebe Freunde, weil Gott uns so sehr geliebt hat, sollen wir auch einander lieben.
  • Niemand hat Gott je gesehen. Aber wenn wir einander lieben, dann bleibt Gott in uns, und seine Liebe kommt in uns zur Vollendung.

Die frühe Kirche, an die Johannes sich richtete, stand mitten in ihrer ersten großen Herausforderung. Gemeindeglieder waren aufgetreten, die mit neuen, äußerst geistreichen Erkenntnissen für Wirbel sorgten und von oben herab auf die anderen blickten, die „Noch-nicht-Wissenden“.

In den Versen, die dem Predigttext vorangehen, setzt sich Johannes mit falschen Propheten auseinander, die die Gemeinde mit ihren Irrlehren durcheinander wirbelten. Jetzt spricht er von der Liebe.

Wenn geistliche Erkenntnisse und theologische Wahrheiten nicht in der Liebe eingebettet sind, dann wirken sie in hohem Maße zerstörerisch.

Die Fragen, die sich mit dem heutigen Briefabschnitt verbinden, lauten:

  • Hat die Liebe Gottes mein Herz erreicht?
  • Was hat diese Liebe mit mir gemacht?
  • Hat Gottes Liebe im Umgang mit meinen Glaubensgeschwistern Niederschlag gefunden? Auch bei denen, die mich herausfordern?

Eines der größten Hindernisse der christlichen Mission liegt darin begründet, dass die Kirche sich jahrhundertelang in theologischen Auseinandersetzungen zersplittert hat – und dabei die Liebe auf der Strecke geblieben ist.

Wenn im Ringen um die richtige Lehre, die Liebe in den Hintergrund gedrängt wird, wenn Geschwister zu Feinden werden, wenn die Liebe der Gemeindeglieder untereinander nicht erkennbar ist, warum sollten sich die Menschen für den Herrn der Gemeinde interessieren?

Wenn sich Rechthaberei und Unversöhnlichkeit in einer Gemeinde einnisten, dann wird es wenige geben, die sich gerade dort auf die Suche nach Gott machen.

  1. Die Liebe Gottes – Vorsicht vor Missverständnissen

    Wir sollten nicht von der Liebe reden, ohne zu verstehen, was damit gemeint ist. Was also meint die Bibel, wenn sie von der Liebe Gottes spricht?

    Neunzehnmal gebraucht Johannes im heutigen Predigttext für „Liebe“ einen Begriff, den wir im Deutschen nicht recht wiedergeben können, nämlich das griechische Wort „agape“.

    Diese Definition von Liebe unterscheidet sich grundsätzlich von dem, was wir landläufig unter „Liebe“ verstehen. Unser Liebesverständnis beruht in der Regel darauf, dass es zwischen zwei Menschen irgendwann einmal funkt.

    Die „Agape“ aber entzündet sich nicht am Charme des Gegenübers. Der Ausgangspunkt der „Agape-Liebe“ ist ein Entschluss: Der heilige Schöpfergott hat sich entschlossen, uns Menschen zu lieben. Gott entscheidet sich, seine Menschen zu lieben, obwohl er selbst nicht mit Gegenliebe rechnen kann.

    Und das ist die wahre Liebe: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns zuerst geliebt und hat seinen Sohn gesandt, damit er uns von unserer Schuld befreit. (1. Johannes 4,10)

    Der Gott, der sich uns in der Bibel offenbart, tritt gewissermaßen in „Vorleistung“. Er liebt „zuerst“.

    Eine Ausdrucksform dieser Liebe Gottes ist seine Treue: Ich will die Erde nicht mehr verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. (1. Mose 8,21)

    Gottes Treueschwur gilt uns Menschen nicht, weil wir treu wären, sondern weil er die Treulosigkeit unseres Herzens kennt. Gott liebt die Menschen nicht deshalb, weil sie lieb sind, sondern weil sie seine Liebe nötig haben.

    Der stärkste Ausdrucksform der Gottesliebe aber bleibt das Kreuz. Der große heilige Schöpfergott liebt sich am Kreuz von Golgatha zu Tode: Gottes Liebe zu uns zeigt sich darin, dass er seinen einzigen Sohn in die Welt sandte, damit wir durch ihn das ewige Leben haben. (1. Johannes 4,9)

    Gottes Liebe am Kreuz ist die sich völlig aufopfernde Liebe.

  2. Die Liebe Gottes – Geschenk und Verpflichtung

    Liebe Freunde, weil Gott uns so sehr geliebt hat, sollen wir auch einander lieben. (1. Johannes 4,11)

    Hier geht es um die Wirkkraft der Liebe:

    • Hat Gottes Liebe die Qualität der Liebe, mit du anderen Menschen begegnest, verändert?
    • Lieben wir andere so, wie Gott uns geliebt hat?
    • Können wir denn so lieben, wie Gott liebt?

    Wer ist derjenige Mitmensch oder Mitchrist, dem ihr beim Spaziergang am wenigsten begegnen möchtet?

    Wir vermeiden das Zusammentreffen mit denen, die uns das Leben schwer machen. Wir gehen einander weiträumig aus dem Weg.

    Das mag sicher hier und da auch angesagt sein. Mit dieser Methode sparen wir uns unnötige Auseinandersetzung – aber es ist nicht das, was Gott im Sinn hat.

    Gottes Liebe zeigt sich gerade darin, dass er keinen Bogen um uns geschlagen hat. Gottes Liebe sucht die Begegnung und in dieser Begegnung das Wohl des anderen.

    Aber können wir das überhaupt leben? Können wir freundlich auf Menschen zugehen, die wir am liebsten auf den Mond schießen würden? Ist das nicht Heuchelei?

    Im 5. Kapitel des Matthäusevangeliums hält Jesus die wohl umstrittenste Predigt aller Zeiten, die Bergpredigt:

    Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Und wenn ihr nur zu euren Geschwistern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Gottlosen? (Matthäus 5,44-45.47)

    Wir sind Kinder unseres Vaters im Himmel, also sollen wir uns auch so verhalten. Die Art Gottes ist es, dass er auf seine Feinde zugeht. Und wir sollen nicht aus der Art schlagen.

    Der heilige Gott beantwortete die Ablehnung durch seine Menschen nicht damit, dass er sich schmollend zurück gezogen hat, einen Bogen um sie macht, sondern damit, dass er ihnen Gutes getan hat.

    Die eigentliche Frage ist demnach: Kommt Gottes Art in meinem Leben zum Ausdruck? Was kann ich meinem Mitmenschen, der mir das Leben schwer macht tun, um ihm meine Wertschätzung zu zeigen?

    Ist das überhaupt machbar?

    Nein, es ist nicht unsere angeborene und antrainierte Art und Weise, unseren Feinden mit Liebe zu begegnen – und dennoch ist es den Jesusleuten möglich:

    Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. (Römer 5,5)

    Gottes Liebe ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist. Das heißt doch: Jesusleute haben die Möglichkeit zu lieben, weil der Heilige Geist es ihnen ermöglicht.

    Du kannst den Menschen, der dich ständig herausfordert und den du überhaupt nicht leiden kannst, du kannst ihm mit der Gottesliebe begegnen, wenn du dem Heiligen Geist in deinem Herzen Raum gibst. Bist du dazu bereit?

    Die eigentliche Herausforderung ist eine geistliche Herausforderung: Wie weit darf der Heilige Geist in meine Emotionen, in mein Denken, in meine Vorurteile und in meine Bitterkeit eingreifen und sie verwandeln?

    Es geht bei der „Agape“ nicht darum, dass wir Sympathie für den anderen entwickeln. Auch derjenige, der mir das Leben schwer macht, ist meiner Liebe wert – weil Gott ihn liebt.

    Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. (1. Johannes 4,19)