predigt-2021-03-21

Predigt: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!

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Datum: 21.03.21
Bibelstelle: Hiob 19
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Passion, Leiden und Krankheit sind die unbeliebten Abschnitte unseres Lebens. Es sind Abschnitte, die wir, wenn irgend möglich, überspringen und ausklammern würden. Das Leben ist kein Ponyhof.

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ – Diese Gewissheit aus Hiob 19,25 ist auf dem Boden von Leid und Elend entstanden. Ohne diese Art der Bodenhaftung, ohne das persönliche Erleben von Scheitern, Leid und Krankheit bleibt Hiob 19,25 eine kraftlose, theologische Gedankenspielerei.

Wer war dieser Hiob?

Im Land Uz lebte ein Mann namens Hiob, der rechtschaffen und aufrichtig war. Weil er Ehrfurcht vor Gott hatte, hütete er sich davor, Böses zu tun. Er hatte eine große Familie mit sieben Söhnen und drei Töchtern und besaß riesige Viehherden … Hiob war der reichste und angesehenste von allen Herdenbesitzern im Osten. (Hiob 1,1-3)

Der Beginn beschreibt eine gerechte Welt. Eine Welt, in der Gutes mit Gutem vergolten wird. Hiob, rechtschaffen, aufrichtig und unbescholten wird von Gott großzügig mit Wohlstand und Wohlergehen belohnt.

Genauso hätten wir es gerne. Diese Logik entspricht unserem Gerechtigkeitsempfinden. Ich bin nett zu dir, Gott, und dafür bist du nett zu mir.

Bei Hiob geht diese Rechnung nicht auf. Nach schon nach wenigen Versen wird Hiob von der Sonnenseite auf die Schattenseite des Lebens wechseln. Räuberische Stämme werden ihn ausplündern, seine Kinder fallen einem mächtigen Wüstensturm zum Opfer und er selbst wird von einer Krankheit gequält, die ihn bis an den Rand des Todes bringt. Alle Schönheit, aller Reichtum, aller Glanz seines Lebens ist dahin.

Wenn guten Menschen Böses widerfährt, gerät unser Gottesbild von einem gerechten Gott ins Schleudern. Wenn guten Menschen Böses widerfährt – dann bleibt eine Unstimmigkeit, eine Fehlstimmung, die sich nicht einfach – wenn überhaupt – ändern lässt.

Aus diesem Grunde bekommt Hiob Besuch. Er hat Freunde, die es gut meinen mit ihm. Sie sind gekommen, um Hiob zu beraten. Sie sind gekommen, um Hiob wieder in die richtige Stimmung zu bringen.

Die drei Freunde Hiobs bieten die glatten frommen Plattitüden, die pastoralen Stereotypen der Berufschristen. Sie sind natürlich theologisch völlig korrekt, aber ebenso unpassend. In Wirklichkeit unternehmen sie nichts anderes als den Versuch, das Geheimnis wegzuerklären.

Aber in der misslichen Lage, in der wir uns hier vorfinden, gibt es keine vorgefertigten Antworten, nur eine Erwiderung im Gebet; nichts als den Willen, dranzubleiben und das Gespräch nicht abreißen zu lassen.

Die Freunde Hiobs sprechen ständig über Gott. Sie sind gute Menschen und ihre Antworten sind weitgehend richtig. Aber der einzige, der mit Gott spricht, ist Hiob.

Für die Freunde Hiobs kann Gott es nicht zulassen, dass ein Gerechter „Böses“ erfährt, folgerichtig muss Hiob „böse“ sein. Irgendwann und irgendwo in der Vergangenheit muss es eine verborgene Schuld geben, für die Hiob büßen muss.

Ihr Ratschlag: Werde ehrlich, steh zu deiner Schuld, bekenne sie vor Gott und Menschen, dann wird Gott Gnade walten lassen und dich aus dem Elend erlösen.

Von Anfang an (Hiob 1,1) wird aber festgestellt, dass bei Hiob kein Zusammenhang besteht zwischen Sünde und Leiden auf der einen Seite bzw. zwischen Anständigkeit und Belohnung auf der anderen.

Selbstverständlich gibt es solche Zusammenhänge auch. Aber grundsätzlich lässt sich dieser Zusammenhang nicht herstellen: Guten Menschen kann sehr wohl Böses widerfahren – und das Warum und Wozu bleibt ein göttliches Geheimnis.

Richard Rohr: Ich glaube nicht, dass Gott das Böse schafft. Doch es ist klar, dass er es zulässt und in gewisser Weise auch für seine Pläne benutzt. Hier versagen die Worte. Ich glaube, dass das die endgültige und größte Offenbarung von Gottes Größe ist, dass er in gewisser Weise das Böse und das Leid zu unseren Gunsten benutzt.

Nach langen 19 Kapiteln voller Zweifel, voller klagender und zorniger Gebete Hiobs scheint ein österlicher Sonnenstrahl durch die dunklen Wolken zu strahlen:

Doch eines weiß ich: Mein Erlöser lebt; auf dieser todgeweihten Erde spricht er das letzte Wort! Auch wenn meine Haut in Fetzen an mir hängt und mein Leib zerfressen ist, werde ich doch Gott sehen! Ja, ihn werde ich anschauen; mit eigenen Augen werde ich ihn sehen, aber nicht als Fremden. Danach sehne ich mich von ganzem Herzen! (Hiob 19,25-27)

Woher entspringt dieser Glaube? Woher die plötzliche Gewissheit, dass Gott am Ende mit dem Leben Hiobs zum Ziel kommt?

Richard Rohr: Es handelt sich um eine reine Schöpfung der Gnade, wie stets beim Glauben. Es ist ein Am-Schopf-herausgezogen-Werden und Verpflanzt-werden an einen anderen Ort, um etwas Neues zu schaffen, was uns selbst überrascht.

Wieder stehen wir da und sind in gewisser Weise zur Untätigkeit verdonnert. Selbstverständlich sind wir eingeladen, mit Gott zu sprechen und unser Unglück vor seinen Thron zu schreien – aber letztendlich sind wir angewiesen auf sein Wirken.

Doch eines weiß ich: Mein Erlöser lebt; auf dieser todgeweihten Erde spricht er das letzte Wort! (Hiob 19,25)

Sehr persönlich klingt das Glaubenszeugnis des Hiobs. Der „Erlöser“, auf den er sich beruft und auf den er seine ganze Hoffnung setzt, ist ihm kein Unbekannter. Trotz allem ist er „sein“ Erlöser geblieben.

Der Löser oder Erlöser ist derjenige, der einen anderen auslöst, der eines anderen Schuld begleicht, der ihm eine schwere Last von den Schultern nimmt. Der Erlöser ist für Hiob auch derjenige, der das letzte Wort spricht.

Im Buch der Offenbarung ist „der Letzte“ geradezu ein Ehrentitel: Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. (Offenbarung 22,13)

Wenn Hiob von seinem Erlöser, als „dem Letzten“ spricht, dann deshalb, weil er sagen will:

  • In meiner Sache ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.
  • Das letzte Wort in unserem Leben spricht nicht irgendwer.
  • Das letzte Wort über unserem Leben sprechen keine Menschen, die uns beurteilen und über uns urteilen.
  • Das letzte Wort in unserem Leben sprechen auch nicht diejenigen, die uns nicht abkönnen, aber auch nicht unsere Freunde.
  • Das letzte Wort in unserem Leben spricht der auferstandene und erhöhte Herr. Er ist der Letzte, der Herr aller Herren, der Sieger von Golgatha und Bezwinger des Todes.

Und hier landen wir mit diesem alttestamentlichen Text unvermittelt im Ostergeschehen des Neuen Testamentes:

Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit … (Offenbarung 1,17b-18)

Wenn guten Menschen Böses widerfährt, dann bleiben viele quälende Fragen offen – eines aber ist gewiss: ER wird am Ende das letzte Wort sprechen, ER wird seine Kinder mit offenen Armen empfangen und ihnen alle Last von den Schultern nehmen.