predigt-2021-02-14

Predigt: Wenn der Montag zum Sonntag wird

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Datum: 14.02.21
Bibelstelle: Lukas 10,38-42
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Was macht ihn aus, den Sonntag? Für viele unserer Zeitgenossen ist es der Tag, an dem gründlich ausschlafen angesagt ist. Es ist der Tag, an dem man faulenzen, spazierengehen oder Freunde besuchen kann.

Für viele Christen ist der Sonntag selbstverständlich auch der Tag des Gottesdienstes. Wir nehmen uns Zeit, auf Gottes Reden zu hören. Wenn Gott zu uns redet, dann ist uns gedient. Dann bekommt unser geistliches Leben neuen Schwung.

Und wenn Gott zu uns am Montag oder am Freitag spricht? Dann wird der Wochentag zum Feiertag, der Montag zum Sonntag.

Genau um solch ein Geschehen geht es im heutigen Bibelabschnitt (Lukas 10,38-42):

  • Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.
  • Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.
  • Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!
  • Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.
  • Eins aber ist notwendig. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Mancher von uns hat das mit den beiden unterschiedlichen Geschwistern längst für sich geklärt. Je nachdem, wie wir von unserer Persönlichkeit her gestrickt sind, haben wir uns entweder mit Maria oder Martha verbündet. Abgehakt und fertig!?

„Maria und Marta“ überschreiben die Lutherbibel und die Einheitsübersetzung unseren Textabschnitt. „Maria“ steht vornean. Sie wird in den Fokus der Erzählung gerückt. So als wäre sie der Mittelpunkt, um den sich alles dreht.

Eine Maria, die zu Füßen Jesu sitzt und andächtig den Worten ihres Herrn lauscht, zieht sofort die Blicke auf sich und beeindruckt. Maria ist diejenige, die verstanden hat, worum es im Glauben geht. Nämlich um Besinnung, Stille und ausführliches Bibelstudium.

Wenn wir den heutigen Text jedoch in den Zusammenhang stellen, merken wir: Ganz so einfach ist diese Gewichtung nicht: Unmittelbar vor dem Bericht über die Begegnung von Jesus, Marta und Maria lesen wir das Gleichnis von dem barmherzigen Samaritaner.

Hier wird die Diakonie, die tätige Nächstenliebe, der ganz praktische Einsatz hervorgehoben. „Dann geh und mach es ebenso“, endet die Gleichnisrede.

Um die Bedeutung eines Bibeltextes zu erfassen macht es Sinn, darauf zu achten, wie die Akteure miteinander agieren: Maria ist im Grunde genommen eine Randfigur des Geschehens. Sie ist in hohem Maße passiv. „Sie hörte seine Rede.“ Das ist alles, woran Maria aktiv beteiligt ist.

Wir könnten sogar Maria ganz weglassen und „Jesus und Marta“ als Überschrift wählen. Jesus macht in diesem Bericht den Unterschied. Marta ist diejenige, die seiner seelsorglichen Zuwendung besonders bedarf. Und Maria spielt da nur eine Nebenrolle.

Der Besuch von Jesus bei Maria und Marta ist für die beiden ein besonderes Ereignis. ER, SEIN Besuch und SEINE Worte verändern den Alltag der Geschwister und verwandeln ihn in einen ganz besonderen Feiertag.

Trotz aller Freundschaft, die die beiden mit Jesus verband, beweist diese Anrede „Herr“ ein hohes Maß an Respekt und Ehrerbietung. Der „Herr“ ist der, der Wind und Wellen gebietet. Er ist derjenige, der am Ende der Tage über diese Erde und jeden Menschen Recht sprechen wird (Philipper 2,6-10)

Vieles, was uns aus dem esoterischen Bereich angeboten wird, zielt im Grunde auf eine Verschmelzung mit dem Göttlichen. Die Heilige Schrift dagegen hebt die Grenzen zwischen Gott und Mensch, zwischen Herr und Nachfolger nicht auf: ER ist der Herr, wir dürfen mit und in seinem Geist unterwegs sein – wir dürfen zu Gott „Abba“, lieber Vater, sagen – dennoch bleiben seine Knechte und Mägde, Dienerinnen und Diener.

Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen … Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.“ (Lukas 10,40a-41)

„Marta, Marta“ – Die Doppelnennung eines Namens unterstreicht die Dringlichkeit und Besorgtheit des Sprechers. In unserem Fall könnte es auch eine Anspielung auf die Bedeutung des Namens „Marta“ sein. Marta stammt aus dem Aramäischen und hat die Bedeutung von „Herrin“.

Marta scheint das Geschehen zu beherrschen. Marta hat eine feste Vorstellung davon, wie die kommenden Stunden ablaufen sollen. Selbstverständlich hat für sie das leibliche Wohl des Gastes höchste Priorität. Im zweiten Teil der Veranstaltung bleibt immer noch genügend Zeit für religiöse Themen.

Umtriebig wuselt Marta hin und her. Und Maria scheint ihren Ablaufplan zu boykottieren. Statt mit anzupacken sitzt sie neben Jesus und hört ihm gebannt zu. Sie hat ihre Pflichten als Gastgeberin vergessen. So sehr ist sie von Ewigem gefesselt, dass sie die Gegenwart völlig ausgeblendet hat.

Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! (Lukas 10,40b)

Diese Frage gibt uns einen tiefen Einblick in Martas Gefühlswelt. Marta fühlt sich im Stich gelassen, und zwar sowohl von Jesus als auch von Maria.

Im Stich gelassen – gemeinsam losgezogen und dann allein gelassen. Das gibt es im Gemeindeleben, das gibt es in Ehen und Familien, das gibt es in Freundschaften. Frust entsteht, schlechte Laune macht sie breit.

Marta wendet sich mit ihrem Frust an Jesus. Das ist ja auch grundsätzlich gar keine schlechte Idee: Wer seine Gefühlswelt und seine Enttäuschung ins Gebet bringt und Jesus überlässt, kann erleben, wie sich Dinge positiv verändern. Er kann erleben, wie die eigene Sicht über den anderen sich verändert und wie Menschen sich verändern.

Marta allerdings bittet Jesus nicht um Rat, sondern sie hat die Lösung schon parat: „Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!“

„Ich weiß, was zu tun ist. Ich kenne die geistliche Wahrheit, bitte mach sie auch meinem irrenden Bruder oder meiner Schwester klar.“ Wie oft hast du dieses Gebet schon gesprochen?

Die Hausherrin sagt dem Herrn aller Herrn, was er zu tun und zu lassen hat.

Jesus antwortet: Eins aber ist notwendig. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. (Lukas 10,42)

Maria ist nicht das Problem. Das Problem liegt bei dir. Du hast etwas Entscheidendes nicht verstanden. Ich habe euch besucht, um euch zu dienen – dir und deiner Schwester. Wenn ich Zeit mit euch verbringe, dann wird der Montag zum Sonntag, und dann ist „Gottes Dienst“ angesagt.

Gottes Dienst an dir und deiner Schwester, an dir und deinem Bruder – und nicht umgekehrt. Wenn das geschieht, dann wird der Alltag zum Sonntag, zum hohen Feiertag.

Dann ist es Zeit, den Putzlappen und den Kochlöffel zur Seite zu legen. Dann ist es Zeit, den Rasenmäher auszustellen und die Autowäsche zu verschieben. Dann es Zeit, das Smartphone stumm zu stellen.

Dann ist es Zeit für die heilsame Begegnung mit deinem Herrn!