predigt-2021-01-03

Predigt: Mangelware Barmherzigkeit (Predigt zur Jahreslosung 2021)

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Datum: 03.01.21
Bibelstelle: Lukas 6,35-38
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Zu Beginn der Coronakrise im Februar/März des zurückliegenden Jahres haben wir die Bedeutung von dem Begriff „Mangelware“ sehr plastisch erlebt: Viele Bürger hamsterten Dinge, die ihnen für die kommende Zeit unabdingbar schienen.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36)

Mit dieser Jahreslosung 2021 haben wir es mit einem Satz zu tun, der zwei aufeinander bezogene Aussagen enthält:

  • Seid barmherzig!
  • Euer (himmlischer) Vater ist barmherzig!

Die Berg-Feldpredigt von Jesus handelt im übertragenen Sinn von Mangelware. Sie handelt von leeren Regalen in den Herzen der Menschen und von einem Einblick in das Herzensregal des lebendigen Gottes.

In den sogenannten Seligpreisungen, zu Anfang der Bergpredigt, spricht er zu den Menschen, deren „Regale“ leer sind, den Bedürftigen, den Armen, Hungernden, den Traurigen, Verzweifelten und Verfolgten. Seine Worte sind Trostworte, Worte der Hoffnung an hoffnungslose Menschen.

Im Anschluss daran wendet er sich an eine andere Gruppe: An die gesellschaftliche und religiöse Oberschicht, an diejenigen, die keinen Mangel empfinden, sondern sich im Gegenteil als gesegnete Gutbürger verstehen.

Angesprochen sind diejenigen, die nicht mehr über ihre eigene Hartherzigkeit weinen und sich nicht mehr an der Barmherzigkeit Gottes freuen können. Angesprochen sind diejenigen, die die gefüllten Regale in ihrem Leben bestaunen, mächtig darauf stolz sind und von oben herab auf ihre weniger „frommen“ Mitbürger blicken.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Noch ein wenig herausfordernder ist die mögliche Alternativübersetzung: „Werdet barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Jesus zielt mit seinen Worten auf die leeren Regale im geistlichen Leben der vermeintlich Rechtgläubigen. Barmherzigkeit ist bei ihnen Mangelware.

Gläubig und anständig, aber unbarmherzig? Der Ausbruch der Corona-Pandemie ist eine ganz besondere Drucksituation – ganz plötzlich kommen Dinge an Tageslicht, die vorher nicht zu sehen waren. Das ist im Grunde wie bei einer Tube ohne Beschriftung: Erst unter Druck kommt raus, was drin ist.

Corona macht Druck, da liegen die Nerven blank, und mit einem Mal wird offenbar, was in uns steckt. Wenn unter Druck unterschiedliche Meinungen, Ansichten und Verhaltensweisen aufeinanderprallen, dann kommt ans Tageslicht, wieviel Barmherzigkeit im Regal unserer Herzen tatsächlich zu finden ist.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Jesus stellt uns Gott als den „barmherzigen Vater“ vor. Gott selbst soll die Vorlage bieten, die Blaupause, das Schnittmuster für unsere Barmherzigkeit gegenüber anderen. Das Motto der Christen darf lauten: Wie Gott mir, so ich dir!

Was aber meint Barmherzigkeit?

Die hebräische Bezeichnung für Erbarmen lautet „racham“, was auch Mutterschoß oder Gebärmutter bedeutet: Barmherzigkeit ist das Gefühl, dass eine Mutter empfindet, wenn sie ihr Neugeborenes in den Armen hält.

Barmherzigkeit ist die Empfindung vollkommener Zuneigung, gepaart mit der Bereitschaft, alles dafür zu tun, dass es dem Kind gut geht.

Gottes Barmherzigkeit, so berichtet der Prophet Jesaja, ist weitaus verlässlicher und vollkommender als die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind: Kann eine Mutter etwa ihren Säugling vergessen? Fühlt sie etwa nicht mit dem Kind, das sie geboren hat? Selbst wenn sie es vergessen würde, vergesse ich dich nicht! (Jesaja 49,15)

Was für eine Hammerzusage für das neue Jahr 2021: Wir sind nicht vergessen! Du bist nicht vergessen!

Der heilige Gott schaut dich an wie eine Mutter ihr Neugeborenes, voller Liebe und Zuneigung.

Gerade der Jahreswechsel ist ja dazu angetan, einmal zurückzuschauen. Vielleicht hat es da Dinge, die dich auf der Seele drücken und die du wir selbst nicht verzeihen kannst.

Die Jahreslosung sagt dir: Dein vergangenes Jahr, jeder zurückliegende Tag ist umrahmt, eingefasst von der Barmherzigkeit Gottes. An jedem neuen Tag in 2021 wirst du von dem barmherzigen Gott empfangen. Sei barmherzig mit dir und barmherzig mit deinen Mitmenschen.

Der Künstler Eberhard Münch hat ein Bild zur Jahreslosung 2021 gezeichnet.

Im Hintergrund stellt er in vier leuchtenden quadratischen Farbflächen das Wesen Gottes dar: Klarheit, Wärme, Hoffnung und Leidenschaft überlagern sich. Die Schnittmenge der farbigen Quadrate formieren sich zu einem Kreuz. Am Kreuz, am gekreuzigten Christus wird Gottes herrliches Wesen offenbar. Die Barmherzigkeit Gottes findet auf Golgatha ihren stärksten Ausdruck.

Unter die sich überlagernden farbigen Quadrate platziert der Künstler ein graues Rechteck. Das Kreuz verbindet sich mit dem grauem Untergrund. Es reicht hinein in den grauen Alltag. Dort erkennen wir zwei geöffnete, leere Hände. Es sind Hände, die nichts zu bieten haben und völlig darauf angewiesen sind, gefüllt zu werden.

Vom oberen Bildrand – aus der himmlischen Welt – greifen Gottes Hände nach unten. Sie ergreifen die sich nach oben ausstreckenden Hände aus dem roten und grünen Quadrat und halten sie fest.

Aber: Die Arme Gottes scheinen zu kurz! Sie reichen nicht hinunter zu dem grauen Quadrat. Die Hände, die in ihm gehalten sind, müssen weiterreichen! Wie bei einer Eimerkette, die beim Löschen eines Feuers gebildet wird, soll seine Barmherzigkeit weitergeben werden.

Menschen, die selbst vom Gehaltensein und von der Barmherzigkeit Gottes leben, reichen weiter, was sie empfangen haben.

Ihr, die von der Barmherzigkeit Gottes Berührten, habt einen Auftrag: Empfangt Gottes Barmherzigkeit, genießt sie, zehrt von ihr – und reicht sie weiter an eure Mitchristen und reicht sie weiter an alle diejenigen, die euch über den Weg geschickt werden.

Und wenn eure Barmherzigkeitsregale leer sind? Dann lasst sie euch in der Gegenwart Gottes, in der Gemeinschaft mit ihm auffüllen. Barmherzigkeit muss im Regal der Kinder Gottes keine Mangelware bleiben.

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! (Kolosser 3,12)