predigt-2020-12-13

Predigt: Warte ab! (Jeremia – Prophet um Gottes Willen/Teil 4)

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Datum: 13.12.20
Bibelstelle: Jeremia 23,3-6
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Warte ab! Das ist eine Aufforderung, die zu 100% in unsere Adventszeit passt, denn irgendwie geht es in der Adventszeit ja vorrangig ums Warten: Die Kinder warten voller Ungeduld auf die große Bescherung am Heiligen Abend. Viele Erwachsene warten dann eher auf einige gemütliche arbeitsfreie Tage zwischen den Jahren.

Warten ist aber längst nicht jedermanns Sache. Bei „Warte ab!“ ist auch nicht auf Anhieb klar, was den Wartenden am Ende der Warterei erwartet. Lohnt sich das Warten überhaupt?

„Warte nur …“, diese Aufforderung, mit drohendem Unterton und erhobenem Zeigefinder ausgesprochen, kann einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.

„Warte ab!“, diese Aufforderung kann aber statt einer Drohung auch ein Trostwort sein; eine Aufforderung, die uns gespannt nach vorne blicken lässt.

Zur Zeit des Propheten Jeremia war wenig übrig geblieben von dem einstmals mächtigen alttestamentlichen Gottesvolk Israel, weil es sich von Gott abgewandt hatte: „Ihr stehlt und mordet, brecht die Ehe und schwört Meineide, ihr bringt dem Götzen Baal Opfer dar und verehrt fremde Götter, die ihr früher nicht kanntet.“ (Jeremia 7,9)

Jeremia ruft im Auftrag Gottes zur Umkehr auf: „Ändert euer Leben von Grund auf!“ (Jeremia 7,9)

Doch niemand scheint dieser Umkehrbotschaft des Jeremia Gehör zu schenken. Statt umzukehren, verhöhnen und verprügeln die Zuhörer den Propheten.

Das Ergebnis ist niederschmetternd. Im Jahr 597 erobert das babylonische Heer unter dem König Nebukadnezar II die letzte jüdische Bastion. Jerusalem wird eingenommen, der Tempel geplündert und zerstört.

Das war es dann mit dem auserwählten Volk. Die Menschen ernten die Saat, die sie gesät haben. Das treulose Gottesvolk bekommt, was es verdient hat.

Mit dieser Beurteilung wäre unserem Gerechtigkeitsempfinden Genüge getan und wir könnten uns beruhigt zurücklehnen. Oder etwa nicht? Sind wir doch ehrlich zu uns selbst: Was wäre, wenn wir bekommen würden, was wir verdient hätten? Dann wäre das „Warte ab!“ tatsächlich angsteinflößend.

Gott erteilt seinem Volk tatsächlich eine Lektion: Sie sollen verstehen, wohin ihr Ungehorsam führt. Sie müssen lernen, dass sie mit ihren selbstgebastelten Göttern nicht glücklich werden – aber Gott schreibt sie doch nicht ab.

Es gibt einen Neuanfang. Es gibt für den „verlorenen Sohn“, es gibt für das verschleppte Volk und es gibt für uns eine Zukunft.

Vielleicht gibt es Situationen und Lebensabschnitte, über die du dich heute schämst. Vielleicht quälst dich die Frage: Hat Gott mich abgeschrieben? Gibt es für mich noch eine Aufgabe, einen Platz in seinem Team?

Keinen Moment hat Gott dich aus dem Gesichtsfeld verloren. Er wartet darauf, dich wieder neu segnen und gebrauchen zu können.

Worauf soll das zerstörte Israel noch warten? Was hat es zu erwarten?

Jeremia antwortet mit dem, was ich einen „prophetischen Dreisprung“ nennen möchte.

Der Absprungbalken ist der desolate Zustand des Gottesvolkes. Prophetische Aussagen beziehen sich auf einen konkreten geschichtlichen Zusammenhang. Nur wer den Absprungbalken punktgenau trifft, wird auch in der Deutung des prophetischen Wortes einen Treffer landen.

Erster Sprung: Und ich will die Übriggebliebenen meiner Herde sammeln aus allen Ländern, wohin ich sie verstoßen habe. (Jeremia 23,5)

Fast fünfzig Jahre leben die Exilanten in der Fremde. Dann geschieht das Wunder. Die Menschen können in ihre Heimat zurückkehren.

Was erwartet sie dort? Das pure Elend. Aber die Rückkehrer sind motiviert, sie starten mit dem Wiederaufbau. ER, der lebendige Gott, hatte sein Volk nicht vergessen. Er hat sein Versprechen eingelöst.

Zweiter Sprung: Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. (Jeremia 23,5)

Dieser zweite Sprung ist ein gewaltiger Sprung: der Sprung ins Neue Testament. Zwischen dem Alten und dem Neuen Testament liegen vierhundert Jahre, in denen keine prophetischen Worte Gottes überliefert sind.

Dann wird – wieder überraschend und unerwartet – ein neuer Abschnitt der Heilsgeschichte eingeleitet: In Nazareth, einem unbedeutenden Dorf in Galiläa, kommt es zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen der himmlischen und der irdischen Welt. Die himmlische Welt ist vertreten durch den Engel Gabriel, die irdische durch eine junge Frau – Maria:

„Hab keine Angst, Maria“, redete der Engel weiter. „Gott hat dich zu etwas Besonderem auserwählt. Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Jesus soll er heißen. Er wird mächtig sein, und man wird ihn Sohn des Höchsten nennen. Gott, der Herr, wird ihm die Königsherrschaft seines Stammvaters David übergeben, und er wird die Nachkommen von Jakob für immer regieren. Seine Herrschaft wird niemals enden.“ (Lukas 1,30-33)

In wenigen Tagen feiern wir Weihnachten und damit den Beginn dieser neuen heilsgeschichtlichen Epoche. In Jesus kommt Gott auf diese Erde. ER besucht sein Volk. Jesus, der verheißene Spross Davids, wird geboren.

Der Messias betritt die Bühne des Weltgeschehens – aber sein Volk will ihn nicht erkennen. Sie haben ihre eigenen, ganz anderen Vorstellungen von einem König, der Recht und Gerechtigkeit schaffen wird.

In Römerbrief greift Paulus den Begriff der Gerechtigkeit auf und erklärt seinen Lesern, was es mit dem „HERRN der Gerechtigkeit“ aus der Jeremia-Prophetie auf sich hat:

Um unsere Schuld zu sühnen, hat Gott seinen Sohn am Kreuz vor aller Welt sterben lassen. Jesus hat sein Blut für uns vergossen und mit diesem Opfer die Vergebung für alle erwirkt, die daran glauben. Daran zeigt sich, dass es gerecht von Gott war, als er die Sünden der Menschen bisher ertrug; er hatte Geduld mit ihnen. Jetzt aber vergibt er ihnen ihre Schuld und erweist damit seine Gerechtigkeit. Gott allein ist gerecht und spricht den von seiner Schuld frei, der an Jesus Christus glaubt. (Römer 3,25-26)

Was für eine Gerechtigkeit! Die uns Sünder freispricht und den Gerechten ans Kreuz nageln lässt.

Dritter Sprung: Siehe, es kommt die Zeit … (Jeremia 23,5)

Der dritte Sprung, sozusagen der krönende Abschluss göttlicher Prophetie und Heilsgeschichte, steht uns noch bevor. Bisher leben wir im Zeitalter der anbrechenden Gottesherrschaft.

Wir erleben auf der einen Seite, wie Menschen zum Glauben kommen und die Gemeinde Jesu wächst. Auf der anderen Seite erleben wir, wie Unheil und Ungerechtigkeit in unserer Welt toben. Unsere Welt blutet aus vielen Wunden, und die Gemeinde Jesu lebt und leidet in ihr.

Denn wir warten darauf, dass sich unsere wunderbare Hoffnung erfüllt: dass unser großer Gott und Retter Jesus Christus in seiner ganzen Herrlichkeit erscheinen wird. (Titus 2,13)

Die Rückführung des Volkes Israels ist Geschichte. Die Geburt des Gottessohnes, sein Heilswerk von der Krippe über seine Kreuzigung und bis zur Auferstehung sind Geschichte. Jetzt warten wir gespannt auf den Tag, an dem die Herrlichkeit Jesu Christi offenbar wird.

„Siehe, es kommt die Zeit …“, „Wartet ab!“ – Gott hat seine Verheißungen bisher eingelöst und er wird sie auch in Zukunft einlösen.

Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde. (2. Petrus 3,9)

Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf das Warten auf Christus. (2. Thessalonischer 3,5)