predigt-2020-11-15

Predigt: Wie geht es dir? (Jeremia – Prophet um Gottes Willen/Teil 3)

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Datum: 15.11.20
Bibelstelle: Jeremia 7,1-11
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Wie geht es dir? – Bei dieser Frage kann ich nie genau wissen, wie sehr der andere wirklich an meinem Ergehen teilnehmen möchte.

Und wie gut muss es mir eigentlich gehen, damit ich sagen kann: „Es geht mir gut“?

Gibt es nicht immer einige Bereiche in unserem Leben, in denen es gerade nicht so gut läuft, die uns Kopfzerbrechen machen? Geht es mit gut, wenn ich mich gut fühle? Könnte es sein, dass meine Gefühle mich in die Irre führen?

Manchmal fühlen wir uns schlecht – obwohl es uns gut geht. Manchmal fühlen wir uns gut, obwohl es uns objektiv betrachtet schlecht geht. Der heutige Predigttext handelt von solch einer Selbsttäuschung:

Der HERR sprach zu Jeremia: „… Ihr müsst euer Leben vollkommen ändern … Geht gut und gerecht miteinander um, unterdrückt nicht die Ausländer, die Waisen und die Witwen, und hört auf, hier das Blut unschuldiger Menschen zu vergießen! Lauft nicht mehr anderen Göttern nach, denn damit schadet ihr euch bloß selbst … Ihr stehlt und mordet, brecht die Ehe und schwört Meineide, ihr bringt dem Götzen Baal Opfer dar und verehrt fremde Götter, die ihr früher nicht kanntet … Meint ihr etwa, dieses Haus, das meinen Namen trägt, sei eine Räuberhöhle?“ (aus Jeremia 7,1-11, Hoffnung für alle)

Was für ein Predigttext! Die Worte Jeremias sind keine Streicheleinheiten für unsere Seele. Sie fordern heraus und sie können einem gründlich die Stimmung vermiesen.

Bevor gebaut und gepflanzt werden kann, bevor neues geistliches Leben wachsen kann, muss der Acker von Steinen und Unkraut befreit werden. Bevor gesät wird, muss gepflügt werden.

  • Uns geht’s doch gut – ein gefährlicher Irrtum

    Uns geht’s doch gut! – Wie schön, wenn jemand das von ganzem Herzen sagen kann. Herzlichen Glückwunsch! Es gibt im Leben nicht so viele Zeiten, von denen wir das so ohne Einschränkungen sagen können. Diese Zeiten gilt es zu genießen und zu feiern.

    Uns geht’s doch gut. Hinter dieser Aussage kann sich aber auch eine gefährliche Fehleinschätzung verbergen. Wir können uns gut fühlen – aber das Eis, auf dem wir uns bewegen, hat schon tiefe Risse bekommen, und es knirscht unter unseren Füßen.

    Jesus erzählte einmal seinen Zuhörern die Geschichte von einem, der sich gerade richtig gut fühlte:

    „Ein reicher Gutsbesitzer hatte eine besonders gute Ernte … Er beschloss: ‚Ich werde die alten Scheunen abreißen und neue bauen, so groß, dass ich das ganze Getreide, ja alles, was ich habe, darin unterbringen kann. Dann will ich mich zur Ruhe setzen. Ich habe für lange Zeit ausgesorgt. Jetzt lasse ich es mir gut gehen. Ich will gut essen und trinken und mein Leben genießen!‘ Aber Gott sagte zu ihm: ‚Du Narr! Noch in dieser Nacht wirst du sterben. Wer bekommt dann deinen ganzen Reichtum, den du angehäuft hast?'“ Und Jesus schloss mit den Worten: „So wird es allen gehen, die auf der Erde für sich selber Reichtümer anhäufen, aber mit leeren Händen vor Gott stehen.“ (Lukas 12,17-21)

    Was gibt es daran auszusetzen, wenn jemand Erfolg hat und die Früchte seiner Arbeit zu genießen weiß? Sicher missgönnt Jesus dem reichen Bauern seinen Wohlstand nicht – aber er lenkt die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf eine andere, eine geistliche Ebene.

    Was wäre, wenn sich hinter dem äußeren Wohlstand eine tiefe geistliche Armut verbirgt? Wie wenig tragfähig ist unser Wohlergehen angesichts der Realität des Todes!

    Am nächsten Sonntag feiern die christlichen Kirchen den „Ewigkeitssonntag“. An diesem volkstümlich auch „Totensonntag“ genannten Tag erinnern wir uns an die Begrenztheit des irdischen Lebens. Wir erinnern uns daran, dass Gesundheit und Wohlstand sehr zerbrechliche Güter sind. Wir richten unsere Blicke nach vorne – über dieses irdische Leben hinaus auf die Ewigkeit.

    Jesus macht seinen Zuhörern deutlich:

    • Narren seid ihr, wenn eurer ganzes Streben auf das Irdische ausgerichtet bleibt.
    • Klug seid ihr, wenn ihr in der Ewigkeit verankert seid.

    Zurück ins Alte Testament zu Jeremia am Ende des sechsten Jahrhunderts vor Christus: „Euer Land ist verwüstet, eure Städte sind verbrannt … Nur Jerusalem ist übrig geblieben.“ (Jesaja 1,7-8)

    In Jerusalem strömen Menschen regelmäßig durch das Tempeltor, um Gottesdienst zu feiern. Das religiöse Leben scheint zu blühen. Uns geht’s doch gut. Solange Jerusalem steht, solange der Tempelgottesdienst gefeiert wird – müssen wir (glaubensmäßig) richtig liegen.

  • Uns geht’s doch gut – der Ruf zur Umkehr!

    Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort. (Jeremia 7,3)

    „Bessert Euer Leben!“ Wie ein Paukenschlag dröhnen die Worte des Propheten dem Gottesdienstbesucher entgegen. Jeremia tritt im Gegensatz zu seinen Kollegen nicht auf, um das fromme Volk zu unterhalten. Er tritt auch nicht auf, um sie zu trösten. Jeremia hat den göttlichen Auftrag, den Glauben der Glaubenden zu erschüttern und zu prüfen.

    Jeremia predigt den Menschen: Ihr seid total „ver-rückt“. Ihr fühlt euch gut, aber ihr seid – schon lange – nicht mehr dort, wo ich euch haben will. Die schöne Sicherheit eines glanzvollen Sonntagmorgens war dahin, die Stimmung gründlich verdorben.

    Solch eine Predigt ist eine Zumutung für das fromme Volk. Was hat Gott seinem Volk vorzuwerfen?

    1. Vorhaltung: Euer Glaube zeigt sich nicht im Umgang miteinander.

      Zwischen Glaube und Leben – zwischen Gottesdienst und Alltag – entlarvt der Prediger eine breite Kluft. Wenn der Glaube nichts mehr zu tun hat mit meinem Alltag, dann ist der Wurm drin – und das gewaltig.

    2. Vorhaltung: Euer Herz ist nicht ungeteilt bei Gott.

      In der Welt der Religionen war es nicht ungewöhnlich, dass Gläubige sich mehreren Gottheiten zuwandten. Die Völker um Israel konnten mit zahlreichen Gottheiten aufwarten.

      Auch heute, in unserer esoterisch durchdrungenen Zeit, ist es für viele unserer Mitbürger kein Widerspruch, am Feiertag den christlichen Gottesdienst zu besuchen, sich wochentags die Zukunft aus den Sternen lesen zu lassen und in den Abendstunden ein Räucherstäbchen vor einer Buddhafigur anzuzünden. Man kann ja nicht wissen.

      Doch der heilige Schöpfergott, der Gott Israels und Vater Jesu Christi, erwartet von seinen Nachfolgern ein ungeteiltes Herz. Gott verspricht seinem Volk die Treue – und er erwartet Treue.

    3. Vorhaltung: Ihr missbraucht den Gottesdienst.

      Meint ihr etwa, dieses Haus, das meinen Namen trägt, sei eine Räuberhöhle? (Jeremia 7,11)

      Zur Zeit Jeremias versteckten Räuber ihr Raubgut in den zahlreichen Höhlen im Bergland. Die Räuberhöhe ist der Ort, an dem Menschen aufbewahren, was sie sich unrechtmäßig angeeignet haben. Im Neuen Testament gebraucht Jesus die Formulierung vom Tempel als Räuberhöhle im Zusammenhang der Verkaufsstände im Tempelvorhof.

      Die Kirche ist dann Räuberhöhle, wenn in ihr nicht mehr das Heil geteilt wird, wenn es nicht mehr um das Heil der Welt, sondern nur noch um persönliche Auferbauung geht.

      Dann entwickelt sich die Kirche zur Räuberhöhle, wenn es nicht mehr um das Gemeinwohl, sondern ausschließlich um das eigene Wohl geht.

      „Wir suchen eine Gemeinde, die unseren Bedürfnissen entspricht.“ – Das Konsumdenken hat die heutige Kirche tief geprägt. Die entscheidenden Diskussionen drehen sich nicht mehr um Relevanz, sondern um Bequemlichkeit.

      Es ist für die meisten Gemeinden schon lange kein erstrebenswertes Ziel mehr, der Welt zu dienen; die Kirche selbst ist zum Inhalt geworden. Und darum ist auch der Leitsatz „Wir sind als Kirche dazu da, einer suchenden und zerbrochenen Welt zu dienen“ abgeglitten zu „Was hat die Kirche mir zu bieten?“

      Kann es sein, dass die westliche Kirche Jesu im 21. Jahrhundert innerlich in Schieflage geraten ist?

Die frohe Botschaft hinter den heutigen Texten lautet: Gott gibt seinen Kindern Raum zur Umkehr. Der Punkt, an dem keine Umkehr mehr möglich ist, ist noch nicht erreicht. Der auferstandene Christus steht vor der Kirchentür und klopft an.

Jesus will nicht, dass wir als Gemeinde, aber auch nicht als einzelne Christen, am Ziel vorbei schießen. Er will unser Herz gewinnen – und mit uns in dieser Welt sein Heil vervielfältigen.