predigt-2020-10-18

Predigt: Wes Geistes Kind bist du?

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Datum: 18.10.20
Bibelstelle: 2. Timotheus 1,7
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Rembrandt - Paulus im GefängnisIn seinem Bild "Paulus im Gefängnis" malt Rembrandt Paulus als einen alten, in sich gekehrten und vom Leben gezeichneten Mann. Er sitzt gedankenversunken auf seiner Pritsche. Sein Körper ist gefangen, eingesperrt in die wenigen Quadratmeter seiner Zelle. Aber mit seinen Gedanken und seinen Gebeten ist er unterwegs in den Gemeinden, denen er das Evangelium von Jesus Christus verkündigt hat.

Einen Großteil seiner Zeit verbringt Paulus mit dem Studium der heiligen Schriften und dem Briefeschreiben. Paulus wird in einer kleinen Wohnung in Quarantäne genommen, darf diese nicht verlassen.

Zwei Jahre Quarantäne. Dennoch verkriecht Paulus sich nicht in Selbstmitleid. Paulus nutzt den vorhandenen Spielraum, um das Evangelium zu verkündigen. Er richtet seinen Blick nicht auf die Mauern, sondern auf die Tür. Er hält sich nicht auf mit den Unmöglichkeiten, sondern nutzt seine Möglichkeiten.

Mit Corona hat sich auch unser Gemeindeleben mächtig verändert. Vieles ist komplizierter und manches gar unmöglich geworden. Nur: Jammern hilft uns dummerweise keinen Schritt weiter.

Solange wir unentwegt damit beschäftigt sind, unsere Grenzen und Einschränkungen zu beklagen, werden wir die Möglichkeiten übersehen, die uns offenstehen. Sehen wir auf die hohen Mauern – oder sehen wir auf die Tür?

Lasst uns im Glauben und im Gebet darum ringen, dass unsere Gedanken nicht gefangen bleiben in der Beschäftigung mit allem, was gerade nicht geht.

In diesem Zusammenhang tauchen Fragen auf:

  • Wes Geistes Kind sind wir?
  • Wovon werden wir getrieben? Und wovon lassen wir uns treiben?
  • Was bestimmt unser Denken und Handeln in eingeschränkten Verhältnissen?

Aus dem Gefängnis heraus schreibt Paulus an Timotheus: Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (2. Timotheus 1,7)

  1. Vom Geist der Ängstlichkeit

    Eine der häufigsten Formulierungen, mit denen der lebendige Gott einen Menschen oder sein Volk als Ganzes anspricht, lautet: "Fürchte dich nicht!"

    Gott will nicht, dass wir uns fürchten, er hat uns nicht mit einem Geist der Furcht ausgestattet. Diejenigen, die "Abba – lieber Vater" zu Gott sagen dürfen, können ihm ohne Angst entgegentreten. Wer Gott angstfrei begegnen darf – warum sollte der sich vor Menschen und Schwierigkeiten fürchten und vor ihnen zittern?

    Warum? Weil Angst und Furcht in dieser unserer Welt eine ungeheure Macht haben und weil wir auch als Christen Teil dieser Welt sind: In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. (Johannes 16,3)

    Angst und Furchtsamkeit wabern nach dem Sündenfall über unserer Welt wie ein Nebel. Sie vernebeln uns den Blick auf die Sonne, sie binden unsere Kräfte und Kreativität.

    Selbst Paulus, der so entschlossen und mutig das Evangelium in seiner Gefangenschaft bezeugt, kennt Zeiten, in denen er vom Geist der Furcht ordentlich durchgeschüttelt wurde: Denn aus viel Bedrängnis und Herzensangst schrieb ich euch mit vielen Tränen. (2. Korinther 2,4)

    Paulus kennt den Geist der Furcht – aber kennt auch das göttliche Gegenmittel: Gottes Geist.

  2. Von der dreifachen Wirkung des Geistes Gottes

    Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

    Paulus setzt der Furcht, der Verzagtheit und der Mutlosigkeit drei Gaben entgegen: Kraft, Liebe und Besonnenheit. Alle drei gehören untrennbar zusammen und können in jedem von uns zur Entfaltung kommen.

    • Kraft – Dynamis – Dynamik

      Was ist gemeint? Was könnte der Geist der Kraft in Zeiten der Corona-Pandemie bewirken? Kraft bedeutet sicher nicht Kraftmeierei oder planloser Aktionismus.

      Der Geist, von dem Paulus spricht, ist die Kraft, die motiviert, in Bewegung setzt. Der Geist der Kraft ist das Gegenteil von dem Geist der Resignation.

      Paulus blickt nicht gebannt, bewegungslos auf die Einschränkungen und Begrenzungen, sondern versucht, alle sich bietenden Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Sache Gottes voranzutreiben.

      Dabei geht es nicht darum, letzte Reserven solange zu mobilisieren, bis einem am Ende die Puste ausgeht.

      Wir können und dürfen Gottes Kraft beanspruchen. Wir sind herausgefordert, immer wieder und bewusst die Nähe Gottes zu suchen. Christen ziehen ihre Kraft – wie ein E-Auto –, indem sie sich an Christus anschließen. Dort wird ihr geistlicher Akku aufgeladen.

    • Geist der Liebe – Agape – die tatkräftige, handelnde Liebe

      Die Liebe ist kein Gefühl, sondern zeigt sich darin, dass sie das Wohl des anderen im Blick hat.

      Die Qualität dieser Liebe hat Paulus ausführlich im Hohen Lied der Liebe im 1. Korintherbrief, Kapitel 13 beschrieben:
      Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet. Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach …

    • Geist der Besonnenheit – Sophronos – der von Gott geleitete Verstand

      Dieser Geist der Besonnenheit wird – so scheint es – aktuell in unserer Coronakrise am dringendsten gebraucht. Es geht darum, umsichtig, vernünftig, ruhig, gelassen zu handeln.

      Besonnenheit ist die Fähigkeit, die mit gesundem Verstand – geistlich eingesetzt – die richtigen Verhaltensweisen zur richtigen Zeit von Gott her erkennen lässt.

      Besonnenheit handelt nicht im Affekt. Besonnenheit nimmt sich Zeit abzuwägen. Besonnenheit lässt Menschen klug, maßvoll handeln.

Ich frage dich: Wes Geistes Kind bist du? Welchem Geist wirst du in deinem Leben Raum geben?

Vielleicht ist es Zeit, dem Geist der Furcht eine deutliche Absage zu erteilen. Ihm klar zu machen, wes Geistes Kind du bist.