predigt-2020-08-09

Predigt: Mit dem Herzen erwählt – zu Großem berufen

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Datum: 09.08.20
Bibelstelle: 1. Samuel 16,1-13
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:
  1. Vorgestellt, die Akteure

    Der heutige Text handelt um die Zeit um 1000 v. Chr. Der erste Akteur ist selbstverständlich Gott oder genauer "JAHWE". Die Bezeichnung "Jahwe" bezieht sich nicht auf den Gottesbegriff im Allgemeinen, sondern auf den Gott, der sich Israel als sein Volk erwählt hat. Dieses Volk gebraucht er als Handwerkzeug seiner Heilsgeschichte.

    Der zweite Akteur ist Samuel, der geistliche Führer Israels. Seine bedeutendste Aufgabe bisher war die Salbung des ersten Königs für Israel, Saul.

    Damit sind wir schon bei unserem dritten Akteur: Saul war der vom Volk geforderte und von Gott eingesetzte erste König Israels. Saul wurde allerdings seiner Berufung nur kurz gerecht. Nach ersten politischen Erfolgen packt ihn die Gier nach Macht. Als Folge dieses Ungehorsams nimmt Gott ihn aus dem Amt.

    Ab jetzt wird die Angelegenheit schwierig. Während Saul noch regiert und immer weiter aus dem Einflussbereich Gottes abrückt, bekommt Samuel den Auftrag, einen neuen König zu erwählen, nämlich einen Jüngling namens David.

  2. Eingebunden, in Gottes (Heils-)Geschichte

    Reichgottesgeschichte, das macht dieser Text deutlich, vollzieht sich immer in Zusammenhängen. Gott beruft Menschen. Zuerst und vor allem ruft er sie zu sich. Ein Mensch kommt zum Glauben. Er beginnt, Gott/Jesus nachzufolgen.

    Der lebendige Gott gewinnt einem Menschen das Herz ab, und dieser antwortet darauf mit einem "Ja": "Ja, ich will dir gehören. Ja, du sollst der Herr meines Lebens sein." Von diesem Moment an wird ein Mensch Teilhaber des Reiches Gottes und gerät unter den neuen Auftrag: "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit." (Matthäus 6,33)

    Wir sind Teil der Geschichte Gottes mit den Menschen. Dass wir heute glauben können, hängt daran, dass es Menschen gab, die mit uns den Glauben geteilt haben.

    Nicht nur positive Erfahrungen, sondern auch Enttäuschungen durch Mitchristen prägen unser Leben. Das ist heute nicht anders wie damals.

    Samuel, war enttäuscht, bitter enttäuscht: Sein geistlicher Ziehsohn Saul, der von Gott erwählte erste König Israels, hatte seine Erwählung leichtfertig verraten. Es ging Saul nicht mehr um Gott zuerst, sondern um Macht, um Wohlstand und öffentliche Anerkennung. Dann, so berichtet die Bibel, zieht Gott die Notbremse. Bevor Saul die Karre des Reiches Gottes in den Sand setzt, nimmt Gott ihm das Amt.

    Und Samuel, der Ziehvater Sauls, leidet. "Wie lange willst du noch um Saul trauern?" (1. Samuel 16,1a)

    Trauer ist die natürliche Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen. Genauso empfindet Samuel. Saul war Samuel ans Herz gewachsen. Je enger wir mit Menschen zusammen sind, umso schmerzhafter ist es, wenn sie uns enttäuschen.

    Die große Hoffnung auf eine geistliche Erneuerung – gestorben. Dann meldet sich der lebendige Gott zu Wort: "Ich habe ihn verstoßen! In meinen Augen ist er nicht mehr König von Israel. Nimm dein Horn, füll es mit Öl und mach dich auf den Weg nach Bethlehem." (1. Samuel 16,1b)

    Es geht hier um das Amt als König Israels. Der lebendige Gott kann Ämter vergeben und Ämter nehmen. Er setzt ein und er kann auch absetzen.

    Aber – und das ist die gute Nachricht: Die Sache Gottes stirbt nicht mit menschlichem Versagen. Es mag sein, dass Mitchristen das Handtuch werfen, auf die wir absolut gezählt haben. Gottes Sache geht weiter, und wir sind herausgefordert, nach vorne zu blicken.

    Losziehen soll Samuel, neue Schritte mit Gott wagen. Den alten Glauben soll er anwenden, aber in neuer Umgebung und mit anderen Menschen. Also zieht Samuel los, ein bisschen seelisch zerknittert und angefressen – aber ganz nah am Ohr Gottes.

    "… mach dich auf den Weg nach Bethlehem. Dort such Isai auf, denn ich habe einen seiner Söhne zum neuen König auserwählt." (1. Samuel 16,1b)

    Als Samuel die Söhne Isais unter die Lupe nimmt, fällt sein Blick sofort auf den ältesten Sohn namens Eliab. Eliab scheint die göttlichen Kriterien für einen König auf Anhieb zu erfüllen. Doch der Herr sagte zu Samuel: "Lass dich von seinem Aussehen und von seiner Größe nicht beeindrucken. Ich habe ihn ausgemustert …" (1. Samuel 16,7a)

    Anforderungsprofile im Reich Gottes können sich verändern. Zeiten ändern sich. Menschen ändern sich und Führungsstile ändern sich. Wir dürfen die Väter und Mütter im Glauben nicht kopieren – wir sollen sie kapieren: ihr geistliches Anliegen verstehen und dann nach Gottes Führung fragen.

    Geistliche Erfahrungen der Vergangenheit können gefährlich werden, wenn wir sie ungeprüft in die Gegenwart übertragen. Wer sagt denn, dass meine Erfahrungen von gestern Antworten auf die Fragen von heute bieten?

    Am Ende ist es David, auf den Gottes Wahl trifft, ein Halbstarker, ein Jüngling ohne lange Lebenserfahrung.

  3. Erwählt, von Herzen

    Gott blickt durch:

    • Für die Menschen ist wichtig, was sie mit den Augen wahrnehmen können; ich dagegen schaue jedem Menschen ins Herz. (1. Samuel 16,7b, Hoffnung für alle)
    • Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an. (1. Samuel 16,7b, Luther)

    Wir können Gott nichts vormachen. Ist das korrekt? – selbstverständlich!

    Aus dem Hebräischen übersetzt gibt es noch eine andere Übersetzungsmöglichkeit: "Denn nicht was der Mensch sieht, gilt. Wählt doch der Mensch mit dem Auge, Gott aber ersieht mit dem Herzen."

    Mit dieser Übersetzung verändert sich die Perspektive: Es geht nicht mehr um die Qualität der Erwählten, sondern um das Werkzeug des Erwählers.

    Wie ist denn das mit der göttlichen Erwählung? Warum erwählt Gott David und nicht Eliab? Die Antwort nach den üblichen Übersetzungen wäre dann: Weil David ein reines Herz hatte, deshalb hat Gott ihn erwählt. Das klingt einleuchtend, das entspricht auch unserem Gerechtigkeitsempfinden – aber es wird nicht erwähnt.

    Ist die moralische Unversehrtheit die Voraussetzung für göttliche Berufung? Gott beruft mich deshalb, weil ich ein so wertvoller Mensch bin? Moralisch meinen Geschwistern überlegen? Im Laufe der weiteren Biografie Davids scheint die Rechnung mit der Moral jedenfalls nicht aufzugehen.

    Es geht hier nicht um die Qualität der Erwählten, sondern um das Werkzeug des Erwählers. Gott erwählt für besondere Aufgaben, nicht kühl berechnend, sondern mit dem Herzen. Hier können wir unsere Erklärungsversuche vergessen. Herzenssachen lassen sich nicht wirklich begründen.

    Wir neigen dazu, Dinge begreifen zu wollen. Aber vieles, was göttliche Erwählung betrifft, kannst du nicht begreifen. Gott erwählt mit dem Herzen – und er rüstet die Erwählten aus.

  4. Ausgerüstet, mit dem Geist Gottes

    Da nahm Samuel das Horn mit dem Öl und goss es vor den Augen seiner Brüder über Davids Kopf aus. Sogleich kam der Geist des Herrn über David und verließ ihn von da an nicht mehr. (1. Samuel 16,13)

    Reichgottesleute sind immer auch Geistträger. Ohne den Geist Gottes läuft geistlich betrachtet nichts.

    Nun ist die Geschichte des Reiches Gottes heute nicht mehr auf dem Stand der Königsgeschichte von damals. Nach der Kreuzigung von Jesus, nach seiner Auferstehung und nach Pfingsten leben wir im Zeitalter der Wirkungsgeschichte des Heiligen Geistes.

    In der Königezeit gab es einzelne vom Heiligen Geist erfüllte Menschen wie David. Hier und heute, in den "letzten Tagen", sind alle Jünger und Jüngerinnen von Jesus Geistträger. Sie sind diejenigen, die der lebendige Gott mit seinem Herzen angeschaut, zu sich genommen und in seinen Dienst gestellt hat.

    Du bist derjenige, den der lebendige Gott mit seinem Herzen angeschaut, zu sich genommen und in seinen Dienst gestellt hat. Du bist eine Geliebte, ein Geliebter Gottes.

    Ihr jedoch seid das von Gott erwählte Volk; ihr seid eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk, das ihm allein gehört und den Auftrag hat, seine großen Taten zu verkünden – die Taten dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. (1. Petrus 2,9)

    Geliebte sind wir – und zu Großem berufen.