predigt-2020-01-26

Predigt: Wo gehöre ich hin? … in das Haus des Herrn

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Datum: 26.01.20
Bibelstelle: 1. Mose 28,10-19
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Was meint die Bibel, wenn sie vom "Haus des Herrn" spricht?

Bei der Anrede "Herr" geht es in der Bibel immer um Gott. Im Neuen Testament wird "Herr" dann auch verwendet, wenn Jesus Christus gemeint ist.

Die Definition von "Haus" dagegen gestaltet sich allerdings nicht ganz so einfach. Der gemeine Vertreter des nachchristlichen Abendlandes wird mit hoher Wahrscheinlichkeit bei "Gotteshaus" zunächst an ein sakrales Gebäude, eine Kirche, einen Dom oder auch an einen Gemeindesaal denken, in dem Gottesdienste gefeiert werden.

In der Heiligen Schrift hat der Begriff "Haus" sehr unterschiedliche Bedeutungen:

  • Mit "Haus" im Alten Testament und Neuen Testament kann ein gemauertes Gebäude, der Tempel gemeint sein.
  • Es kann aber auch für die Stiftshütte, das mobile Heiligtum des wandernden Gottesvolkes gebraucht werden.
  • Im übertragenden Sinne wird der Begriff "Haus" auch als Wohngemeinschaft oder Sippe verwendet: "Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen." (Josua 24,5)

Wenn wir all diese Deutungen von "Haus Gottes" auf einen Nenner bringen, dann können wir sagen: Dort ist Gottes Haus, dort ist Haus des Herrn, wo Gott zuhause ist, wo er sich offenbart.

In 1. Mose 27 berichtet uns die Bibel, wie Jakob seinen Bruder Esau um den Erstgeburtssegen betrogen hat. Nun ist auf der Flucht vor ihm.

Unterwegs begegnet ihm Gott: Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder … (1. Mose 27,10-12)

  1. Mein Schatten und ich

    "Jeder Mensch hat seinen Schatten", sagt der Volksmund: Jeder Mensch hat seine dunklen Seiten, seine Schwachstellen, seine spezielle Geschichte von Versagen und Schuld.

    Die Kapitel aus 1. Mose 26-32 nehmen uns hinein in das Zusammenleben der einen Familie, mit der Gott sein Heil in dieser Welt verankern sollte. Eigentlich, so könnte man erwarten, müsste diese Urfamilie Israels eine Vorzeigefamilie sein. Stattdessen präsentiert uns die Bibel das totale Familienchaos.

    Jakob war ein Zwilling – tagtäglich gab es Zoff zwischen ihm und seinem Bruder Esau. In diesem Familiendrama, im Elternhaus Jakobs, gab es eine Verstrickung von Schuld, von gegenseitigen Kränkungen und Enttäuschungen, die man als Betrachter nur ahnen kann.

    Am Ende jedoch hatte Jakob den Bogen überspannt und sich seinen Bruder zum Todfeind gemacht. Zum Zeitpunkt des Predigttextes befindet er sich auf der Flucht, gequält von seinem schlechten Gewissen und der Angst vor Rache. Der, der alles wollte, hatte alles verloren.

    Könnte die Geschichte Jakobs auch unsere Geschichte sein? Wir können im Gottesdienst sitzen und fromme Lieder singen und dabei doch innerlich auf der Flucht sein:

    • Vielleicht auf der Flucht vor unserer Vergangenheit.
    • Oder auf der Flucht vor Menschen, denen wir nicht mehr in die Augen schauen können.
    • Vielleicht auf der Flucht vor uns selbst – weil wir uns selbst nicht vergeben können.
    • Vielleicht sogar auf der Flucht vor dem lebendigen Gott, dem wir uns stellen sollten, aber einfach nicht den Mut dazu aufbringen.
  2. Wenn die Wüste zum Gotteshaus wird

    Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. (1. Mose 27,16-17)

    Der Gott, der sich in der Bibel offenbart, ist immer für eine Überraschung gut. Mitten in der Wüste – in der Jakob sicher mit allem rechnete, nur nicht mit einer Gottesbegegnung – öffnet sich für den Flüchtling der Himmel.

    Der lebendige Gott begegnet uns gerade dort, wo wir uns momentan aufhalten. In eben der Ecke, wohin du dich mit deinem Schatten zurückgezogen hast – genau dort will Gott dir begegnen. Dort, wo Gott dir begegnet, ob während eines Gottesdienstes oder mitten im Alltagstrott, dort wo er anknüpft und das Gespräch mit dir sucht: Dort wird die Steinwüste zum Haus Gottes.

    In der Phase seines Lebens, in der Jakob das Gefühl hatte, gottverlassen zu sein, offenbart Gott seine Barmherzigkeit. Gott schmollt nicht, er zieht sich nicht beleidigt zurück. Gott schleppt Jakob durch.

    Selbst dem Gescheiterten, dem vor den Folgen seiner Schuld fliehenden Jakob, eröffnet Gott die Chance zum Neubeginn. Jakob fühlt sich vergessen, im Abseits, ungesegnet – aber er ist es nicht!

  3. Zwischen Sehnsucht und Verheißung

    Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. (1. Mose 27,14)

    Das, was Gott ihm hier verheißt, war die große Sehnsucht von Jakobs Jugendjahren gewesen. Um das zu erreichen, hatte Jakob vor keiner Betrügerei Halt gemacht. Aber alle seine Lügereien und Tricksereien waren völlig überflüssig gewesen.

    Wir lernen: Gott will segnen. Er hat Freude daran, wenn wir Leute sind, die sich nach seinem Segen ausstrecken. Allerdings: Gott segnet, wo er will, wie er will und wann er will.

    Gottes Segen in unserem Leben, bleibt Gottes souveräne Geschichte – und widerfährt uns immer unverdient und oft überraschend.

    Wenn Jakob von Gott bekommen hätte, was er – menschlich gesehen – verdient hat, dann hätte Gott ihn im günstigsten Fall das Fell über die Ohren ziehen müssen. Stattdessen schleudert ihm seinen Segen entgegen.

    Allerdings war Gott mit Jakob noch nicht am Ziel. Es wird sehr bald noch eine Gottesbegegnung geben, nach der Jakob als innerlich erneuerter Mensch seinen Weg zieht. Die eigentliche Bekehrung des Jakob steht noch aus – aber schon erleben wir was Evangelium, was frohe Botschaft bedeutet:

    Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten. So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten. (Psalm 103,10-13)

    Die befreiende Nachricht lautet: Gott handelt nicht mit uns, wie wir es verdient hätten, sondern begegnet uns gnädig.

    Wie umfassend und kaum zu begreifen diese Gnade ist, sehen wir am Kreuz von Golgatha. ER, der heilige Gott, hat deinen Schuldschein bezahlt, in dem er ihn mit Christus an Kreuz nageln ließ: Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. (Römer 3,22b-24)