predigt-2020-01-05

Predigt: Ich glaube, hilf meinem Unglauben (Jahreslosung 2020)

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Datum: 05.01.20
Bibelstelle: Markus 9,14-25
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Die Jahreslosung 2020 gleicht einer harten Nuss, die es zu knacken gilt. Und vielleicht braucht es dazu tatsächlich ein ganzes Jahr – wenn nicht ein ganzes Leben: "Ich glaube, hilf meinem Unglauben!" (Markus 9,24)

Glaube und Unglaube werden hier erstaunlicherweise in einem Atemzug genannt. Sie schließen sich in diesem einen Satz nicht aus, sondern bilden ein eigentümliches Paar. Da glaubt und vertraut einer ganz auf Gottes Hilfe, und gleichzeitig hat es in seinem Herzen eine Stimme, die für Unruhe sorgt: Sollte Gott tatsächlich gesagt haben? Kann ich ihm ganz vertrauen?

In Markus 9,14-25 wird von einem Vater berichtet, der mit seinem kranken Sohn zu Jesus kommt und ihn um Heilung bittet.

Wie Markus uns im Vorfeld dieses Bibelabschnittes berichtet, kommen Jesus und seine Jünger Petrus, Jakobus und Johannes gerade von einer Bergtour zurück. Dort oben auf dem Gipfel des Berges Tabor machen sie eine Gipfelerfahrung ganz besonderer Art: Sie können einen kurzen Blick hinter den Vorhang werfen, der Gott und Menschen trennt.

Doch dann ist wieder der Abstieg angesagt. Jesus und seine drei Jünger kommen von ganz oben und landen ganz unten.

Dort unten ist eine Gruppe jüdischer Theologen gerade damit beschäftigt, die Anhänger von Jesus gründlich in die Mangel zu nehmen. Laut wird über Glaubensfragen diskutiert und gestritten.

Dazwischen taucht plötzlich ein Vater mit seinem kranken Sohn auf. Unten im Tal treffen die Bergsteiger auf die harte Wirklichkeit des Alltags, dort trifft Not auf Elend.

Die Lage "Unten im Tal" beschreibt Jesaja (Kapitel 60,2) mit den Worten: "Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker." Genau dort im Dunkel ist die Jahreslosung 2020 beheimatet. Sie spricht in unsere Lebenswirklichkeit, in unser Hin- und Hergerissensein, in unsere Christusnachfolge zwischen Glauben und Unglauben. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir eingestehen, der Glaube der Glaubenden keineswegs ein zweifelsfreier Glaube ist.

Wir wissen aus tiefstem Herzen, dass Gott uns liebt und annimmt, dass er auf unserer Seite ist, dass nichts uns jemals wieder trennen kann. Und dennoch gibt es im Alltag Situationen, in denen Zweifel auftauchen, in denen der Glaube zu wanken beginnt.

Wenn ist die Diagnose des Arztes ernst ist, wenn es im familiären Miteinander Verwerfungen gibt, wenn wir beruflich unter Druck geraten – und Gott auf unsere Gebete nicht zu antworten scheint, dann tauchen bohrende Fragen auf:

  • Kümmert Gott überhaupt mein kleines Leben? Sieht er meine Ängste?
  • Warum bin ich so unruhig und besorgt?
  • Glaube ich nicht genug? Wo bleibt mein Gottvertrauen?
  • Bestraft Gott mich wegen meiner Schuld mit Schweigen?

Wir können nur ahnen, welche Leidensgeschichte der verzweifelte Vater und sein kranker Sohn hinter sich haben. Als Jesus zu der Menschenmenge tritt, ist der Vater des Jungen nicht mehr zu halten. Alles muss aus ihm heraus, das jahrelange Elend seines von Krankheit gezeichneten Sohnes, all die Not, die er hilflos mit ansehen musste.

Der Vater ist physisch und psychisch am Ende. Jetzt hat er nur noch einen letzten Strohhalm, an den er sich klammert: Jesus.

"Wenn du etwas kannst, so habe Erbarmen mit uns und hilf uns!" Jesus aber sprach zu ihm: "Wenn du das kannst? Dem Glaubenden ist alles möglich." Sogleich schrie der Vater des Kindes und sagte: "Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!" (Markus 9,22-24)

Der Vater "glaubt", aber über letzte Konsequenzen und die Bedeutung dieses Versprechens ist er sich nicht im Klaren. Er weiß nicht, ob er richtig und vorschriftsmäßig glaubt.

So folgt auf sein Versprechen: "Ich glaube!" sogleich die Bitte: "Hilf meinem Unglauben!" Der Vater erkennt, dass nicht nur sein Sohn der Hilfe und der Heilung bedarf, sondern auch er selbst, sein (eigener) Glaube.

Mit folgender Grafikcollage hat Stefanie Bahlinger die Jahreslosung 2020 veranschaulicht:

Jahreslosung 2020 - Stefanie Bahlinger
  • Der Blick des Betrachters wird von der hellen, roten Figur in der Mitte angezogen.
  • Die Arme weit ausgestreckt, scheint sie die blauen Wände zur rechten und zur linken Seite auseinander zu schieben und auseinander zu halten. Alles Bedrückende und Erdrückende wird durch sie an seinen Platz verwiesen und in Schach gehalten.
  • Bei genauerem Hinsehen entdeckt der Betrachter an den Seitenwänden dunkle Fäden. Wir erinnern uns an den Vorhang zum Allerheiligsten im Tempel von Jerusalem. Im Augenblick des letzten Atemzuges Jesu am Kreuz zerriss dieser Vorhang von oben nach unten (Markus 15,37-39). Der Zugang zu Gott ist frei und die rote Figur – Christus selbst – hält den Vorhang für uns geöffnet.
  • Große Energie strahlt von Jesus Christus aus. Er stellt sich in den Riss, macht den Weg frei. Er eröffnet nach oben hin einen hellen und weiten Raum.

Jesus schiebt kraftvoll Mauern der Angst und Sorge weg, die mein Leben verdunkeln und meinem Glauben die Luft zum Atmen nehmen. Er rüttelt auf und belebt, wo mein Glaube unmerklich zu bloßer Überzeugung, zu lieblosem Rechthaben, zu einem geschlossenen System erstarrt.

"Ich glaube." So bekennen wir es auch im apostolischen Glaubensbekenntnis: "Wir glauben an den Gott den Allmächtigen, Schöpfer des Himmel und der Erde." Und gleichzeitig stellen wir die Allmacht Gottes infrage, wenn es um die kleinen praktischen Dinge des Glaubens geht.

Das Evangelium heute Morgen lautet: Wir dürfen uns mit beidem an Jesus wenden. Aller Glauben und Unglauben, alle Gewissheit und alle Zweifel sind bei Jesus bestens aufgehoben. Wir dürfen beides zu Jesus hin schreien, Glauben und Unglauben, wie der Vater des kranken Sohnes. Und wir dürfen damit rechnen, dass Jesus unseren Schrei hört und heilsam in unser Leben eingreift.