predigt-2019-08-25

Predigt: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben

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Datum: 25.08.19
Bibelstelle: Lukas 10,25-36
Redner: Hans-Peter Dinter

Zusammenfassung:

Reisen ist tatsächlich immer ein bisschen mit Abenteuer verbunden.

Jesus erzählt einmal von der Reise eines Mannes, der mitten in der Steinwüste überfallen und ausgeraubt wurde. Danach konnte er einfach nicht mehr auf die Beine kommen. Musste er jetzt verdursten oder gar verbluten?

Ein Bischof und ein Richter kamen – und gingen in einem großen Bogen an dem Verletzten vorbei. Unterlassene Hilfeleistung.

Dann kam ein – damals von den Juden verachteter – Samariter, der den Verletzen auf seinen Esel packte und ihn in eine Pension brachte. Dort bezahlte er sogar den Wirt, damit dieser den Kranken gesund pflegen konnte.

Am Ende dieses Reiseberichts fragt Jesus seine Zuhörer: Was glaubt ihr – wer hat getan, was Gott von ihm wollte?

  • Der Bischof – der von Gottes Liebe predigte?
  • Der Richter – der andere, die etwas falsch gemacht hatten, bestrafte?
  • Der Samariter – der Ausländer, den keiner leiden konnte – und der trotzdem geholfen hat?

Die Antwort ist nicht besonders schwierig.

Diese Geschichte erzählte Jesus einigen jüdischen Bibellehrern, die Jesus als Irrlehrer entlarven wollten. Ein Gesetzeslehrer stellt dazu Jesus auf die Probe mit der Frage aller Fragen: "Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben erbe?" (Lukas 10,25)

Das ist eigentlich eine gute Frage. Für den, der glaubt, dass es ein ewiges Leben, ein Leben über den Tod hinaus gibt, ist es die wichtigste Frage überhaupt.

Das wäre jetzt die Gelegenheit, dass Jesus von sich selbst sprechen könnte, z. B. so:

  • Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben. (Johannes 5,24)
  • Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Johannes 14,6)

Doch in diesem Bericht antwortet Jesus die (Fang-)Frage seines Gegenübers mit einer Gegenfrage: "Du Gesetzeskundiger, was sagt denn das Gesetz? Was steht denn in deiner Bibel?"

So hatte sich unser Schriftgelehrter das Gespräch nicht vorgestellt, jetzt ist er dran. Jetzt steht plötzlich sein geistliches Leben zur Debatte.

Aber seine Antwort ist für einen Juden mustergültig: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand! Und: Du sollst deine Mitmenschen lieben wie dich selbst!"

Das ist das eigentliche Dilemma im Leben des Gesetzeslehrers: Er weiß, was er tun sollte, aber bringt es nicht fertig. Er hat den Glauben im Kopf, aber keine Liebe im Herzen. Tief in seinem Inneren gibt es einen tiefen Graben zwischen dem, was er glaubt und dem, was er lebt.

Der Gesetzeskundige zuckt betroffen zusammen und fragt: "Wer ist denn mein Nächster?" Ich kann doch nicht allen Menschen meine Hilfe anbieten, da werde ich doch nie fertig!

Diesmal antwortet Jesus nicht mit einer Gegenfrage, sondern mit der Geschichte von dem barmherzigen Samaritaner.

Die tragischen Figuren dieser Geschichte sind die beiden Menschen, die an dem Verletzten vorbeigehen. Sie sehen seine Not – aber sie sehen nicht wirklich. Mit gesenktem Kopf entziehen sie sich dem Elend und verziehen sich.

Alle ihre Gottesdienstbesuche, ihre Bibelstunden und Gebete haben sie nicht wirklich verändert. Eben noch waren sie im Tempel, haben Gottes Wort gehört oder sogar selbst gelehrt, sie haben Anbetungslieder gesungen – aber in ihren Herzen sind sie hart geblieben.

Dann aber kommt einer, von dem kein Jude damals Hilfe erwarteten konnte. Ein Samaritaner, ein Sektierer, einer, der den Tempelgottesdienst in Jerusalem verachtete.

Dieser Samariter sieht genau das gleiche wie die beiden frommen Juden. Er sieht das aus allen Wunden blutende Opfer am Wegrand und – das ist der feine Unterschied: "Als er den Mann sah, hatte er Mitleid mit ihm." Es ging ihm zu Herzen, es "jammerte" ihn.

Die Geschichte, die Jesus damals den Schriftgelehrten erzählt hat, fordert uns heraus: Sehe ich die Menschen um mich herum mit dem Herzen Gottes? Sehe ich sie so, wie Gott sie sieht?

Die eigentliche Fragestellung lautet nicht: "Wer ist mein Mitmensch?", sondern:

  • Wem kann ich Mitmensch sein?
  • Wem kann ich heute, in der kommenden Woche, der Nächste sein?
  • Wem will ich ab heute nicht mehr ausweichen, sondern mich seiner Not zuwenden und ihm zur Seite stehen?

Mit dieser Fragestellung könnte unsere Lebensreise zu einer echten Erlebnisreise werden. Denn: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben!