predigt_2018-04-29

Predigt: Gottesdienst im Blick (4) – Lasst uns noch kurz beten!

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Datum: 29.04.18
Bibelstelle: Nehemia 8,1-8; 2. Chronik  7,12-15; 1. Timotheus 2,1-4
Redner: Hans-Peter Dinter

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Zusammenfassung:

"Lasst uns noch kurz beten!" Hin und wieder kommen einem Gottesdienst-Moderator diese fünf Wörter über die Lippen.

Was wollte der Moderator mit der Formulierung "kurz beten" ausdrücken? Klar, er hat es ja nicht so gemeint. Oder etwa doch?

Will er den Zuhörern die Angst vor einem Endlosgebet nehmen? Oder empfindet er das Gebet als störende Unterbrechung? Das Gebet als Lückenfüller zwischen Vorprogramm und Predigt? Das Gebet am Ende des Gottesdienstes, damit der Gottesdienstbesucher sich langsam darauf einstellen kann, dass es zuende geht?

Wenn dem so wäre, dann kann etwas nicht stimmen. Dann braucht es ein verändertes, erneuertes Verständnis von der Bedeutung des Gebetes im Gottesdienst: Das Gebet als Anbetung des heiligen dreieinigen Gottes und als stellvertretende Fürbitte für die Welt gehört unverzichtbar zum Gottesdienst.

  1. Gebet als Antwort auf Gottes Reden

    In Nehemia 8 finden wir den Bericht eines jüdischen Festgottesdienstes. Auf wird Anhieb deutlich: Der hier beschriebene Gottesdienst lebt ganz und gar vom Wort des lebendigen Gottes. Gottes Wort, die Schrift ist die Mitte des Gottesdienstes.

    Das Gebet der Glaubenden ist unmittelbare Antwort auf das Reden Gottes: "Und Esra lobte den HERRN, den großen Gott. Und alles Volk antwortete. "Amen! Amen!", und sie hoben ihre Hände empor und neigten sich und beteten der HERRN an …" (Nehemia 8,6)

    Wenn Gott redet – oder besser – weil Gott redet, können Christen im Grunde nicht anders, als auf diese Rede zu reagieren. Gott begegnet uns im Gottesdienst, da wäre es völlig ungewöhnlich, wenn die Gemeinde sprachlos bleiben würden.

    Gottesdienst heißt: Gottesbeziehung leben, und dabei spielt das Gebet die entscheidende Rolle. Gott lädt uns ein, er eröffnet das Gespräch – dann können wir nicht noch eben "kurz beten". Wir können mit dem Vater im Himmel reden, wir können mit dem Ewigen kommunizieren.

    Wenn Gemeinde nicht mehr, oder nur noch kurz betet, dann ist das ein Alarmzeichen. Es ist das Zeichen einer Beziehungsstörung. Dann könnte es sein, dass unsere Beziehung zu Jesus Christus gewöhnlich geworden ist.

  2. Gebet als "heilige Verpflichtung"

    Da erschien ihm (Salomo) eines Nachts der Herr und sprach zu ihm: "Ich habe dein Gebet erhört und diesen Tempel als Ort erwählt, an dem ihr mir eure Opfer darbringen könnt. (2. Chronik 7,12)

    Israel hatte es unter dem weisen König Salomo zu Ruhm, Ansehen und Reichtum gebracht. Die Geschichte Israels und die Größe ihres Gottes Jahwe war zum Gesprächsthema unter den Völkern geworden. 960 vor Christus, nach einer Bauphase von sieben Jahren, feierte die alttestamentliche Gemeinde die Einweihung ihres ersten Tempels in Jerusalem.

    Da meldet sich Gott zu Wort: Nicht irgendwann und irgendwie soll der Tempelgottesdienst über die Bühne gehen. Gott selbst will den Ton angeben. Er will die Schwerpunkte setzen und Inhalte klären.

    • Das göttliche Versprechen

      Die alttestamentliche Gemeinde hatte unter großem persönlichem Einsatz ein tolles Kirchengebäude zuwege gebracht – aber das Eigentliche können sie nicht machen.

      Gottes Gegenwart bleibt ein Geschenk. Gott lässt sich im Tempel, im Gottesdienst der Gemeinde finden. Die Gegenwart Gottes wird damit zwar nicht verfügbar – und doch legt er sich fest.

      Der Gottesdienst der Gemeinde ist der Ort der besonderen Nähe Gottes. Wer den Gottesdienst versäumt, bringt sich damit um ein Stück göttlichen Segen.

    • Verpflichtung und Auftrag

      Diese besondere Nähe Gottes aber soll für die Gläubigen "heilige Verpflichtung" sein: Und er (Jesus) lehrte sie und sprach zu ihnen: "Steht nicht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus heißen allen Völkern? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht." (Markus 11,17)

      Die gottesdienstliche Versammlung der Gemeinde soll, so Jesus, immer auch eine Gebetsversammlung sein. Die Versuchung, das "Gebetshaus" in eine "Räuberhöhle" umzufunktionieren, scheint allerdings immer gegeben zu sein.

      In der Räuberhöhle horten üble Gestalten Dinge, die ihnen im Grunde nicht gehören. Ihr habt, so Jesus, den Gottesdienst zu einer Insiderveranstaltung gemacht. Statt das Heil der Welt anzubieten, statt die Menschen in die Gegenwart Gottes einzuladen, seid ihr mit euch selbst beschäftigt.

      Gottes Heil gilt aber der ganzen Welt. Jeder Mensch, auf dieser Welt, hat einen Platz im Herzen Gottes.

      Die Glaubenden haben nun die "heilige Pflicht" für sich, aber auch für diese Welt im Gebet einzustehen. Die Gemeinde ist es, die den heißen Draht zu Gott hat.

      Wir sind es, denen Gottes Verheißung gilt, deshalb hängt das Wohl und Wehe unserer Welt auch damit zusammen, ob wir unseren Gebetsauftrag wahrnehmen oder eben nicht. Wenn wir nicht beten, wer soll es denn dann tun?

      Die Bibel stellt uns einen lebendigen Gott vor. Sie stellt uns einen Gott vor, der versprochen hat, das Gebet seiner Leute zu hören: "… dann will ich ihnen vergeben und ihr Land heilen." (2. Chronik 7,14b)

      Wir leben in äußerst spannenden Zeiten. Christliche Werte verlieren rasant an Bedeutung. In solch einer Zeit ist "Lasst uns noch kurz beten", völlig absurd. Ja es erscheint geradezu zwingend nötig, Fürbittengebete in unsere Gottesdienste aufzunehmen, in denen wir die Nöte unserer Welt vor Gott tragen:

      Das Erste und Wichtigste, wozu ich die Gemeinde auffordere, ist das Gebet. Es ist unsere Aufgabe, mit Bitten, Flehen und Danken für alle Menschen einzutreten, insbesondere für die Regierenden und alle, die eine hohe Stellung einnehmen, damit wir ungestört und in Frieden ein Leben führen können, durch das Gott in jeder Hinsicht geehrt wird und das in allen Belangen glaubwürdig ist. In dieser Weise zu beten ist gut und gefällt Gott, unserem Retter, denn er will, dass alle Menschen gerettet werden und dass sie die Wahrheit erkennen. (1. Timotheus 2,1-4)