predigt_2018-02-18

Predigt: Gottesdienst im Blick (2) – Die Predigt

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Datum: 18.02.18
Bibelstelle: Römer 10,14.17
Redner: Hans-Peter Dinter

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Zusammenfassung:

Der Begriff "Predigt" weckt bei vielen unserer Zeitgenossen unangenehme Erinnerungen. Manchmal ist es der Tonfall, das "Von-oben-herab"-Reden, manchmal die Länge, die den Predigthörer abschreckt. Manchmal ist es die monotone Vortragsweise, hin und wieder auch die mangelnde Herausforderung oder Lebensnähe, die dem Zuhörer die Predigt verleiden.

Trotz aller Vorbehalte gehört die Verkündigung in die Mitte des evangelischen Gottesdienstes.

  • Gibt es dafür eine angemessene Begründung?
  • Welche Bedeutung hat die Predigt aus der Sicht der Bibel?
  • Was darf der Zuhörer von der Predigt erwarten – und was nicht?

Ein Blick in die Welt der Religionen zeigt: Alles, was Menschen von einer religiösen Kulthandlung erwarten, kommt ohne Predigt aus. Der religiöse Mensch erwartet keine Rede, sondern eine Erfahrung. Der religiöse Mensch ruft nach einem "Priester", einem "Medium", das einen heißen Draht zur "oberen Welt" hat.

Der religiöse Mensch ruft nach einem, der in der Lage ist, heilige Handlungen auszuführen. Die Ziele dabei sind die Besänftigung der Gottheit und die Entlastung der Gläubigen. Wenn der "Gläubige" mit gutem Gewissen und einem guten Gefühl das Heiligtum, den Tempel oder wie sich der Ort der gottesdienstlichen Handlung nennt, wieder verlässt, hat der Priester seine Aufgabe erfüllt. Im religiösen Leben der Völker spielt aus diesem Grund die Predigt keine oder nur eine untergeordnete Rolle.

Weshalb braucht der christliche Glaube die Predigt? Braucht er ihn überhaupt? Die Antwort lautet; Ja, unbedingt!

Wir haben es bei dem Gott der Bibel mit einem Gott zu tun, der herabsteigt zu den Menschen. Wir haben es mit einem Gott zu tun, der redet, der sich einmischt.

Der lebendige Schöpfergott tritt aus seiner Verborgenheit, offenbart sein Wesen und seinen Willen. Und er beauftragt Menschen, den Botendienst zu tun. Ein Beispiel: Und des HERRN Wort geschah zu mir; Ich kannte dich, eh ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht "ich bin zu jung", sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. (Jeremia 1,4-5)

So tritt schon im Alten Testament neben dem Priester auch der Prophet und der Gesetzeslehrer. Propheten und Gesetzeslehrer agieren als Sprachrohr Gottes. Die Priester haben ihre Funktion im Tempelkult – der Prophet übermittelt dem Volk Gottes Wort.

Es ist interessant, dass die christliche Kirche über viele Jahrhunderte hinweg auf der religiösen Schiene mitgefahren ist. Die Predigt war für das religiöse Leben verzichtbar, die Geistlichen waren durchweg Priester und keine Prediger. Wenn denn Worte im Gottesdienst gesprochen wurden, dann zumeist in einer Sprache, die der gewöhnliche Gottesdienstbesucher nicht verstehen konnten, nämlich in Latein.

Für den vorreformatorischen Christen war der entscheidende Moment des Gottesdienstes, die Wandlung des Weines und der Oblate in das Blut und den Leib Jesu Christi. Der Priester wiederholt das Opfer Jesus Christi auf dem Altar, bei dem, was wir Abendmahl nennen. Er spricht dabei die Worte: hoc est enim corpus meum, "das ist mein Leib". Es ist wahrscheinlich, dass hier die Formulierung "Hokuspokus" seinen Ursprung hat.

Erst Martin Luther und die durch ihn ausgelöste Reformation brachte in dieser Hinsicht die entscheidende Wende: Die Kanzel rückt in die Mitte des Gottesdienstes, das gelesene und gepredigte Wort Gottes tritt an die Stelle der Opferhandlung.

Das Fundament der Predigt ist allein das in der Bibel geoffenbarte Wort Gottes: Wie sollen die Menschen zu Gott beten, wenn sie nicht an ihn glauben? Wie sollen sie aber zum Glauben kommen, wenn sie nie von ihm gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? … Doch es bleibt dabei: Der Glaube kommt allein aus dem Hören der Botschaft; die Botschaft aber gibt uns das Wort Christi. (Römer 10,14.17)

Die Predigt lebt nicht von dem, was der Prediger denkt und meint. Nicht seine persönliche Meinung hat er zu vertreten, sondern Gottes Ansage.

Was ist Predigt ihrem Wesen nach?

  1. Die Predigt – Proklamation

    Als Einleitung zu der berühmten Bergpredigt schreibt Matthäus: Und Jesus zog umher in ganz Galiäa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Gebrechen im Volk. (Matthäus 4,23)

    Was in den meisten Bibelübersetzungen mit "predigte" übersetzt wird, meint eigentlich "proklamieren". Die Predigt Jesu war demnach alles andere als eine erbauliche Rede. Andächtig ging keiner seiner Zuhörer nach Hause. Die Predigt Jesu war die Botschaft von der Machtübernahme Gottes. Sie war in hohem Maße angriffig – und die Menschen gingen betroffen und innerlich aufgewühlt nach Hause.

    Und genau darum geht es auch heute vorrangig. Der Prediger gleicht dem Herold, der in einer mittelalterlichen Stadt mit Trommelwirbel oder Fanfarenklang den Amtsantritt des neuen Königs proklamiert. In der Predigt proklamiert der Prediger die Herrschaft Gottes über diese Welt. Dabei ist es zunächst nebensächlich, wie die Zuhörer reagieren.

    Der Herold ist ausschließlich Bote. Er tritt hinter die Botschaft zurück. Er redet im Auftrag und ist letztendlich für den Inhalt seiner Botschaft nicht verantwortlich. Klar und deutlich hat er zu verkündigen, was ihm aufgetragen ist.

    In seiner Botschaft aber muss der Bote Gott nicht "großreden" oder "schönreden", denn Er ist es ja bereits. Seine Aufgabe ist es, "groß" und "schön" von Gott zu reden. Klar und deutlich soll er zum Ausdruck bringen, wem die Ehre gebührt.

  2. Die Predigt – Information

    Weil christlicher Glaube nicht aus dem Inneren des Menschen kommt, sondern von außen, braucht der Glaube Information: Wie sollen sie aber zum Glauben kommen, wenn sie nie von ihm gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? (Römer 10,14b)

    Der Zuhörer muss wissen, wer die Herrschaft über seinem Leben beansprucht, er muss wissen, wie er glauben kann und welche Konsequenzen der Glauben zu ziehen hat. Neben der Heroldsaufgabe der Predigt tritt als zweites ihre Lehraufgabe.

    Die Predigt hat die Aufgabe, die Aussagen der Bibel so zu lehren, dass sie verstanden und umgesetzt werden können. Die Herausforderung an die Predigt besteht darin, die notwendigen Informationen so weiter zu geben, dass sie der Zuhörer verstehen und verarbeiten kann.

    Richtige Informationen allein machen es nicht. Eine Information muss vom Zuhörer aufgenommen und verdaut werden können. Dabei spielt auch die geistliche Reife der Zuhörer eine Rolle.

    Wenn Menschen heute dem Glauben fremd gegenüberstehen, hat das sicher verschiedene Gründe. Einer davon ist der, dass sie die nötigen Informationen, die zum Glauben führen können, nie erhalten haben.

    Es gibt jahrzehntelang treue Gottesdienstbesucher, die nicht wissen, dass eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus möglich ist und wie sie diese Beziehung pflegen können. Entweder haben sie die Informationen nie erhalten, oder aber sie waren derart verschlüsselt, dass sie sie nicht verstehen konnten.

    Die Predigt muss Informationen so an den Mann und die Frau bringen, dass sie in geistliches Leben umgesetzt werden können – oder sie ist verlorene Mühe.

  3. Die Predigt – Aufruf

    Die Zusammenfassung der Predigt Jesu steht in Matthäus 4,17: Kehrt um (ändert euer Leben), denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

    In unserer pluralistisch geprägten Gesellschaft regt sich angesichts dieses Predigtverständnisses vehementer Widerspruch. Der religiöse Mensch erwartet von der Predigt Horizonterweiterung, er erwartet Zustimmung und spirituelles Erleben.

    Christliche Verkündigung dagegen zielt auf Lebensänderung. Predigt muss sich einmischen. Nicht deshalb, weil der Prediger von sich aus alles besser weiß, sondern weil Predigt getragen wird von der Liebe Gottes.

    Weil Gott uns liebt, will er nicht, dass wir ins Verderben laufen – deshalb mischt er sich ein. Dabei ist Predigt in ihrem Kern immer "Evangelium" – "Gute Nachricht". Menschen werden nicht zu einem moralisch-ethischen Kraftakt aufgefordert. Der Umkehrruf der Predigt zielt zunächst auf eine grundsätzliche Hinwendung zu Gott. Der Aufruf lautet: Wende dich Gott zu – ohne ihn bist du für ewig verloren.

    Und das Evangelium, die frohe Botschaft lautet: "Gott sehnt sich nach dir. Er hat in Jesus Christus den Weg freigemacht. Christus ist dein Heil."

    Der Umkehrruf der Predigt gipfelt nicht in einem moralischen Appell, sondern in der Einladung zu einer persönlichen Christusbeziehung. In einem zweiten – nicht unwichtigen Schritt – geht es dann um den Ruf, die von Christus geschenkte Freiheit in alle Lebensbereiche umzusetzen und auszuleben.

Weil wir es mit einem redenden Gott zu tun haben, gehört das gelesene und verkündigte Wort Gottes in die Mitte unseres Gottesdienstes. Christusgemäße Predigt erreicht uns als Proklamation des Reiches Gottes, sie vermittelt Informationen, die wir zum geistlichen Wachstum brauchen und sie ist Aufruf, unser Leben ganz der Herrschaft Jesu Christi zu unterstellen.

Ob und inwieweit die Predigt zu ihrem Ziel kommt, hängt nicht zuerst von der rhetorischen oder intellektuellen Fähigkeit des Verkündigers ab – sondern von der Wirkung des Heiligen Geistes.

In der Predigt, nicht allein, aber eben auch, redet Gott zu uns. Und wenn Gott zu uns redet, dann gilt – damals wie heute: Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht! (Hebräer 3,7)