predigt_2018-01-14

Predigt: Als Pilger und Fremde unterwegs

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Datum: 14.01.18
Bibelstelle: Hebräer 13,14; Johannes 17,14-16
Redner: Hans-Peter Dinter

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Zusammenfassung:

Der postmodern geprägte Mensch pilgert wieder. 301.036 Pilger waren es, die sich im vergangenen Jahr 2017 im Pilgerbüro im spanischen Santiago de Compostela registriert hatten. Das ist der Pilgerrekord der Neuzeit.

Die große Zeit des Pilgertums allerdings war das Mittelalter. Riesige Menschenmassen zogen umher, um die heiligen Stätten in Jerusalem, Rom oder Santiago de Compostela aufzusuchen.

Dabei unterscheiden sich die Motive des mittelalterlichen Pilgers von dem des neuzeitlichen wesentlich:

  • Der modern-postmoderne Pilger kann, aber muss nicht im christlichen Glauben verwurzelt sein. Die Erreichung des Pilgerziels ist für ihn zwar eine sportliche Herausforderung, aber nicht das Entscheidende. Der Weg ist das Ziel.

    Er sucht Abstand aus dem hektischen Alltag. Er will den Kopf frei bekommen. Der neuzeitliche Pilger ist unterwegs, um seinen seelischen Akku aufzuladen.

  • Den mittelalterlichen Pilgern ging es nicht um den Weg, sondern darum, das Ziel zu erreichen. Sie sind aus religiösen Gründen unterwegs: Sie pilgern für das Seelenheil, aus Dankbarkeit, aufgrund eines Gelübdes oder als Buße.

Nach diesem kurzen Ausflug in die Pilgergeschichte stellt sich die Frage nach der biblischen Begründung des Pilgerdaseins. Was meint das Neue Testament, wenn es vom Pilgrimstand und von der Fremdheit der Nachfolger Jesu in dieser Welt spricht und welche Schlussfolgerungen gilt es daraus zu ziehen?

  1. Pilgrimschaft und Fremdheit als Wesensmerkmal christlicher Existenz

    In Johannes 17 haben wir einen absolut einmaligen Bibeltext, denn er bietet uns einen Einblick in das Gebetsleben von Jesus.
    Der Sohn im Zwiegespräch mit seinem himmlischen Vater:

    Ich habe ihnen dein Wort weitergegeben, und nun hasst sie die Welt, weil sie nicht zu ihr gehören, so wie auch ich nicht zu ihr gehöre. Ich bitte dich nicht, sie aus der Welt herauszunehmen; aber ich bitte dich, sie vor dem Bösen zu bewahren. Sie gehören nicht zur Welt, so wenig wie ich zur Welt gehöre. (Johannes 17,14-16)

    Als äußerst ungewöhnliche Gestalten bezeichnet Jesus seine Jünger. Sie sind nicht weltfremd. Sie wurden als Säuglinge in diese Welt geboren. Sie sind an ihrer Sprache, ihrem Dialekt, an ihrem Aussehen, an ihrer Kleidung nicht von ihren Mitmenschen zu unterscheiden – und dennoch sind sie Bürger einer anderen Welt, der Welt Gottes.

    Im Glauben sind sie dergestalt mit Christus verbunden, dass sie ein Teil von ihm sind. Ein Mensch, der zum Glauben an Jesus Christus kommt, lebt vom Geschenk, von dem, was ihm in und durch Christus zugeeignet wurde:

    Denn er hat uns aus der Gewalt der Finsternis befreit und hat uns in das Reich versetzt, ("gepfropft") in dem sein geliebter Sohn regiert. Durch ihn, Jesus Christus, sind wir erlöst; durch ihn sind uns unsere Sünden vergeben. (Kolosser 1,13-14)

    "Sie gehören nicht zu dieser Welt … Er hat uns befreit … Wir sind versetzt … Wir sind erlöst … Uns ist vergeben …" – Genau diese Gewissheit lässt Christen in ihrer Umgebung zu Fremden werden. Wenn der Glaube und der Lebensstil Fragen aufwerfen oder auf Unverständnis stoßen, dann geschieht dem Pilger absolut nichts Außergewöhnliches.

  2. Pilgrimschaft als Ausgerichtsein auf eine ewige Heimat

    Sowohl der Pilger des Mittelalters wie auch der Neuzeit startet in der Heimat. Irgendwann wird er sein Ziel in der Fremde erreichen. Dort hält er sich eine begrenzte Zeit auf und macht sich dann wieder auf den Rückweg in die Heimat.

    Hebräer 13,14 überliefert uns ein völlig anderes Bild, fast gegensätzliches Bild des christlichen Pilgerlaufes: "Denn hier auf der Erde gibt es keinen Ort, der wirklich unsere Heimat wäre und wo wir für immer bleiben könnten. Unsere ganze Sehnsucht gilt jener zukünftigen Stadt, zu der wir unterwegs sind."

    Der Pilgerweg der Jünger Jesu beginnt nicht in der Heimat, sondern in der Fremde. In dem Augenblick als Jesus Christus in ihr Leben getreten ist, hat ihre Pilgerreise begonnen. Es ist eine Pilgerreise, die von der Fremde ausgeht und in der Heimat, in der ewigen Welt Gottes ihr Ziel findet. Erst dort befindet sich ihr eigentliches Zuhause.

  3. Pilgrimschaft als Grundlage christlichen Verhaltens

    Es ist wichtig, dass wir uns mit der Pilgerexistenz der Jünger Jesu beschäftigen, denn unsere Weltanschauung oder besser "unser Selbstverständnis" als Christen bestimmt unser Handeln und nicht umgekehrt.

    Die Erkenntnis unserer Pilgerexistenz hat Auswirkungen in alle Bereiche unserer Existenz (vgl. z. B. Hebräer 13,1-5).

    Ob wir uns im Sinne des Neuen Testamentes als Fremdlinge und Pilger verstehen oder nicht, ist die Schlüsselfrage, wenn es um unsere Lebenspraxis geht: Wer weiß, dass er als Pilger und Fremdling unterwegs ist, wird ein völlig anderes Leben führen als jemand, der davon ausgeht, dass sich das eigentliche Leben in den 70 bis 90 irdischen Lebensjahren erschöpft.

    Pilger reisen mit leichtem Gepäck. Sie dürfen diese Pilgerwanderung selbstverständlich genießen – und sich darüber freuen, was ihnen an Gutem in ihrem Leben begegnet. Aber sie setzen sich nicht fest – sondern leben im Aufbruch. An der Hand ihres Herren Jesus Christus – in der Pilgerschar der Glaubenden mit der ewigen Heimat vor Augen – marschieren sie tapfer voran.