predigt_2017-10-15

Predigt: Spieglein, Spieglein an der Wand …

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Datum: 15.10.17
Bibelstelle: 1. Korinther 13,8-13
Redner: Hans-Peter Dinter

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Zusammenfassung:

Als die Königin einmal ihren Spiegel fragte: "Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer ist die Schönste im ganzen Land?"
so antwortete er: "Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier – aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr." Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid.

So kann es gehen. Am Abend bist du noch der schärfste Feger der Stadt und am nächsten Morgen ein Auslaufmodell.

Gestern warst du in deiner Firma noch unersetzlich und hoch dekoriert und heute sitzt ein junger Mitarbeiter an deinem Schreibtisch und hat deinen Posten übernommen.

Der erste Brief, den Paulus an die Korinther schreibt, taugt sicher nicht zu einer Märchenstunde. Und doch gibt es einige interessante Parallelen zum Vorspann des Grimmschen Schneewittchens. Denn es geht wie im Märchen um Anerkennung und Macht, um Bedeutung und Ansehen, um Stolz und Demut:

  • Von unheilsamen Auseinandersetzungen

    Während die böse Schwiegermutter und das arme Waisenkind Schneewittchen im Schönheitswettbewerb gegeneinander antreten, geht es in Korinth um einen "Erkenntniswettbewerb". Es geht um die Frage der Gotteserkenntnis: Wer hat den tiefsten Einblick in Gottes geheimnisvolles Wesen?

    Es gibt sicher auch notwendige, heilsame Auseinandersetzungen, die dazu dienen, Positionen auszutauschen, eigene Positionen zu überdenken und gemeinsame Lösungen zu finden.

    Aber hier geht es unter der Oberfläche um etwas ganz anderes: Es geht um die Machtfrage. Es geht darum, die eigenen Positionen gegen seine Mitchristen durchzusetzen: "Spieglein, Spieglein es liegt auf der Hand: Meine Art zu glauben ist die einzig richtige im ganzen Land."

  • Von Gott und Mensch im Spiegel

    Paulus gebraucht einen Spiegel, um den Korinthern eine Gegenstandspredigt zu halten.

    Dieser Spiegel zeigt allerdings die Wahrheit nicht eindeutig, unmissverständlich und klar, sondern verschwommen und bruchstückhaft.

    Alle unsere Gotteserkenntnis, so Paulus, ist immer nur "stückweise Erkenntnis". Solange wir auf dieser Erde leben, bleibt uns eine Vollsicht Gottes verborgen. Wir alle erkennen Gottes Wesen auf sehr unterschiedliche, individuelle Weise.

    Für Paulus bleibt dabei die Heilige Schrift der Erkenntnisrahmen für jede Form von Gotteserkenntnis. Wer Gott kennenlernen will, wer verbindliche Aussagen über den Christus Gottes machen will, kommt an der Heiligen Schrift nicht vorbei.

    Aber selbst wenn wir die gleiche Bibelübersetzung lesen, erschließt sich uns Gottes Wesen immer nur unvollkommen und individuell.

    Christian Schwarz handelt in seiner Schrift "Die dreifache Kunst Gott zu erleben" über die "dreifache Offenbarung Gottes": "Gott", so führt er aus, "offenbart sich in dreifacher Weise. Er offenbart sich als der Schöpfer, als Jesus Christus der Sohn und durch den Heiligen Geist." Viele Christen neigen nun dazu, eine dieser Gottesoffenbarungen über die andere zu stellen.

    Wenn wir die Bibel studieren, wenn wir einander zuhören und voneinander lernen, werden unsere Gotteserkenntnis und unsere Gotteserfahrung an Weite gewinnen!

    Und dennoch – ob es uns gefällt oder nicht: Es werden Fragen offen bleiben. Der große, heilige Gott bleibt letztendlich der "Unbegreifliche", der "Unverfügbare", der "Unberechenbare".

    Unsere Gotteserkenntnis bleibt Stückwerk – Gottes Menschenerkenntnis dagegen ist vollkommen. Der lebendige Gott muss uns nicht kennenlernen. Er kennt uns besser als wir uns selbst.

    Dietrich Bonhoeffer schreibt: "Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!"

  • Von guten Aussichten

    Paulus beschreibt die Großwetterlage im Blick auf Gotteserkenntnis als "wechselhaft": Oft ist der Himmel voller Wolken. Hier und dort scheint die Sonne durch die Wolken. Nebelschwaden trüben unsere Sicht. Viele Wege, die Gott uns führt, verstehen wir nicht.

    Alle Erkenntnisfragen, die wir hier und heute stellen und denen wir uns sicher auch stellen müssen, werden immer nur vorläufige Antworten finden. Es bleiben Unschärfen und Verschwommenheiten – und damit auch die Gelegenheiten, sich in die Haare zu geraten.

    Genau deshalb aber verknüpft Paulus das Unterthema "Erkenntnisse" mit dem Oberthema "Liebe": "Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet …"

    Unterschiedliche Erkenntnisse können uns auseinandertreiben – aber die Liebe hat die Kraft, uns beieinander zu halten.

    Unser Liebesvorrat wäre vermutlich bald erschöpft, wenn Gottes Geist nicht immer und immer wieder nachfüllen würde. SEIN Geist und Seine Liebe sind es, die uns zueinander bringen und beieinander halten können, wenn wir in echter, ehrlicher Demut miteinander umgehen.